Editorial

Das Jahr 2014 ist ein historisches Gedenkjahr von besonderer Qualität. Europa erinnert an den Ersten Weltkrieg, die „Urkatastrophe“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 2014 jährt sich darüber hinaus zum 75. Mal der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte kennt jedoch auch abseits der großen offiziellen Gedenkmomente eine Vielzahl kleiner, regionaler und lokaler Geschichtsinitiativen. Dazu zählt auch die vorliegende Arbeit.

Das Jahr 2014 ist auch für uns, Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Gymnasiums in Freiburg im Breisgau ein denkwürdiges Jahr. Denn 2014 feiert unsere Schule ihr 110-jähriges Bestehen. Für eine Handvoll Oberstufenschüler im Schuljahr 2012/2013 war das der Anlass, in einem Seminarkurs die Geschichte unserer Schule nach aufwändigem Quellenstudium zu einem historischen Dokumentarfilm zu rekonstruieren und zu verdichten. Die vorliegende, crossmediale Realisation repräsentiert einen Teil dieses Ganzen, unserer von uns gemeinschaftlich erarbeiteten Schulgeschichte.

Im Mittelpunkt: Heinrich Rosenberg. Heinrich Rosenberg war unser Mitschüler, bevor er im Zuge der Verfolgungen des verbrecherischsten Regime, das unser Land je erlebt hat, ermordet wurde. In der vorliegenden Realisation haben wir uns auf seine Spuren begeben, wollen von seiner Geschichte, von der Geschichte seiner Mitschüler, von der Geschichte seiner Schule erzählen und an ihn und seine Zeit bei und mit uns erinnern.

110 Jahre Friedrich-Gymnasium Freiburg

Am Anfang der vorliegenden Arbeit stand also unsere Schule, das Friedrich-Gymnasium Freiburg im Breisgau. 1904 als zweites altsprachliches Gymnasium in Freiburg unter seinem Namensgeber Großherzog Friedrich I. von Baden gegründet, residiert unsere Schule in einem vom Jugendstil beeinflussten, denkmalgeschützten roten Sandsteingebäude, das aufgrund seiner eigenwilligen Gesamtanlage zu den bedeutenden Kulturdenkmälern in Freiburg gehört. Es ist eine kleine Schule, mit familiärer Atmosphäre, untergebracht in einem Gebäude, das Geschichte atmet, das die großen Umbrüche des schweren 20. Jahrhunderts deutlich werden lässt. Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik Deutschland, vier „Reiche“ haben Generationen von Lernenden und Lehrenden hier durchlebt. Und etliche von ihnen sind eines gewaltvollen Todes gestorben, in zwei Weltkriegen gefallen. Davon zeugen die Gedenktafeln, die in den nachfolgenden Generationen in der Vorhalle unserer Schule angebracht wurden.

Und es gibt Menschen, die hier lebten, die ermordet wurden, an die nicht dezidiert erinnert wird, von denen kaum mehr Zeugnisse vorhanden sind. Und plötzlich wurde diese, unsere schöne Schule bei näherer Betrachtung buchstäblich zu einer schönen Fassade. Das Friedrich-Gymnasium hatte Schreckliches gesehen. Unser Humanistisches Gymnasium hat Zeiten durchlebt, in denen seine Gesinnung korrumpiert, zerstört wurde. Hier bei uns in unseren Fluren und Klassenzimmern waren Menschen ausgegrenzt, stigmatisiert, gedemütigt, aufgrund rassistischer Verblendung schließlich der wunderschönen Räumlichkeiten verwiesen worden. Und viele Schüler und Lehrer, die nicht verfolgt wurden, wurden schließlich in einem verbrecherischen Weltkrieg sinnlos geopfert.

Konrad Fichter hat in seiner Dokumentation über die Architekturgeschichte unseres bemerkenswerten Schulgebäudes gearbeitet. Mit sicherem medialen Gespür und unserer Unterstützung setzte er die von uns erarbeiteten Inhalte in der vorliegenden Onlinepräsentation zusammen.

Nils Hansen ist der Schulzeit unterm Hakenkreuz auf den Grund gegangen. Er hat viele Quellen gesichtet, noch lebende Zeitzeugen gesucht und gefunden und zu ihrer Schulzeit im Friedrich-Gymnsium unter dem Nationalsozialismus befragt. Sein Dokumentarfilm bringt Licht in die dunkelste Zeit, die unsere Schule jemals erlebt hat.

Christian Jünger hat einen bemerkenswerten Quellenbestand unserer Schule erforscht. Sein Dokumentarfilm zeigt, wie junge Gymnasiasten des Friedrich-Gymnasiums 1942 vom NS-Regime verführt und als Kanonenfutter in einen sinnlosen und verbrecherischen Krieg geschickt wurden. Nur wenige Schüler des Abiturjahrgangs 1943 überlebten. Wir wissen einiges über diesen Jahrgang, weil wir an der Schule eine Sammlung von nahezu 50 Feldpostbriefen besitzen, die sich die Schüler gegenseitig geschrieben haben.

Ich selbst, Elena Muggenthaler habe über unseren ehemaligen jüdischen Mitschüler Heinrich Rosenberg geforscht und gearbeitet, der 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Für ihn wurde in unserer Stadt, in unmittelbarer Nähe zu unserer Schule ein Gedenkstein, ein Stolperstein verlegt. Ihm sei unsere gemeinsame Arbeit gewidmet.

Heinrich Rosenberg – Eine Spurensuche

Die Arbeit an meinem Dokumentarfilm führte rasch über die Grenzen des Friedrich-Gymnasiums hinaus. Im Archiv unserer Schule gab es so gut wie keine Unterlagen zu Heinrich Rosenberg, geschweige denn ein Foto oder möglicherweise Filmaufnahmen, und doch sollte und wollte ich über ihn filmdokumentarisch arbeiten.
Ich begann meine Recherchen im Gedenkbuch der Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland des Bundesarchivs und in der zentralen Datenbank der Holocaustopfer von Yad Vashem. Es folgten Recherchen im Stadtarchiv Freiburg und im Freiburger Staatsarchiv. Im Verlauf weiterer Nachforschungen gelang es, Kontakt zu noch lebenden Verwandten von Heinrich Rosenberg aufzunehmen. Im Frühjahr 2013 konnte ich außerdem als Mitglied der städtischen Delegation an einer Jugendgedenkfahrt der Stadt Freiburg in das Internierungslager Gurs teilnehmen. Ich traf auf tief beeindruckende Zeitzeugen, auf die wohl letzten überlebenden Zeitzeugen, wie Margot Wicki-Schwarzschild und Paul Niedermann, die offen mit mir vor der Kamera über den nationalsozialistischen Terror sprachen.

Allen Zeitzeugen, Experten, Eltern, Freunden, unserem Lehrer, unserer Schule – allen, die die uns bei unserer Arbeit unterstützt haben, ganz herzlichen Dank!

Elena Muggenthaler, Nils Hansen, Christian Jünger und Konrad Fichter

Friedrich-Gymnasium Freiburg im Breisgau, Sommer 2014