Freiburger Kreis

Hitlerdeutschland: Während der Großteil der Bevölkerung dem Nationalsozialismus blind und gefügig nacheifert, bildet sich in Freiburg eine Opposition aus Universitätsprofessoren heraus, die sich den Umständen nicht anpassen will und in geheimen Sitzungen nicht nur von einem besseren Deutschland träumt, sondern auch an konkreten Umsetzungsplänen arbeitet. Inhalt ihrer Diskussionsrunden war vor allem die Frage, wie sich die Christen gegenüber dem NS-Staat verhalten sollten, der mit Holocaust, Führerkult, Rassismus, politischer Gewalt und Allmachtsanspruch christliche Werte missachtete.

STILLES HELDENTUM


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Adolf Lampe, Constantin v. Dietze und Walter Eucken

Wer sich – zunächst von Neugierde getrieben – mit der Vergangenheit befasst, stellt bald fest, wie wir von der Vergangenheit lernen können, indem wir vergangene Situationen auf heute übertragen, unseren Wurzeln nachforschen und sie hinterfragen können. Wir können genauer verstehen, wie die Gesellschaft zu dem geworden ist, was sie heute darstellt. Man muss gar nicht so weit zurückschauen, um einschlägige historische Ereignisse oder Persönlichkeiten zu finden, die uns bis heute grundlegend beeinflussen. Sowohl in Bezug auf politische und wirtschaftliche Verhältnisse, als auch unser persönliches Wertesystem und Moralvorstellungen betreffend. In der Öffentlichkeit lange unbeachtet blieb in diesem Kontext für Deutschland jedoch der intellektuelle Widerstand unter dem Nationalsozialismus.

Intellektueller, beziehungsweise akademischer Widerstand im Nationalsozialismus ist wenig öffentlichkeitswirksam und entspricht kaum dem romantischen Bild eines heldenhaften und dramatischen Blutvergießens im Kampf gegen den Tyrannen. Ihn daher als unwichtig oder marginal herabzustufen wäre fahrlässig: Die Männer und Frauen ‚Freiburger Kreises‘ als Vordenker unserer heutigen Sozial- und Wirtschaftsordnung sind ein hervorragender Beweis für ein stilles Heldentum.

 

SPURENSUCHE IN FREIBURG


Seit über zehn Jahren lebe ich schon in Freiburg. Von Widerstandsgruppen aus ganz Deutschland wusste ich mehr als über die überwältigende Geschichte jener Professoren, die an den Orten wirkten, an denen ich tagtäglich vorbeigehe. Eine zufällig entdeckte Randnotiz war Auslöser weiterer Recherchen. Die Thematik legte eine faszinierende Geschichte offen. Den dramatischen Aufschrei eines oppositionellen Freundeskreises. Doch nicht nur träumten sie von einer besseren Welt, still und stumm, voller Angst. Sie arbeiteten aktiv an einer neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, ausgelöst durch christliche Gewissensnot, getragen von fachlicher Kompetenz als Volksökonomen, Juristen und Historiker. Mir ihren in Gesprächskreisen verfassten Denkschriften und Gutachten leisteten sie intellektuellen Widerstand, riskierten ihr eigenes Leben, ihren gesellschaftlichen Stand und verwirklichten in Abgrenzung zum totalitären deutschen Unrechtsstaat die grundlegende Vorarbeit unserer heutigen „sozialen Marktwirtschaft“. Nicht nur das, sie waren auch noch der einzige professorale Widerstand in ganz Deutschland.

Der Freiburger Kreis hat uns ein denkwürdiges Erbe hinterlassen. Nicht nur sein wissenschaftlicher Einfluss zur Gründungszeit der BRD bleibt uns als Relikt seines Wirkens erhalten, er gibt unserem heutigen Wirtschaftssystem auch eine ethische Legitimation aus dem Widerstand heraus. Das Bild des moralischen Rückgrats bleibt zeitlos. Die  Vergangenheit wird plötzlich hochaktuell.

Jakob Ortmann, Friedrich-Gymnasium Freiburg 2016