Durchführung der Gedenkaktion 2016

“DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR” –

diese Aussage stellten wir als Gestalter der Gedenkaktion 2016 ins Zentrum unserer Auseinandersetzung mit dem Thema „Kommunikation“.

An der Treppe zu Mahnmal begrüßten wir die Gäste der Gedenkveranstaltung und baten sie, sich einen Aufkleber anzuheften. Darauf war in 6 Sprachen diese Aussage zu lesen, mit der wir alle Gäste vereinen wollten und die für alle Menschen ein Lebensgrundsatz sein sollte.

Als Ort für unsere diesjährige Aktion hatten wir die sechs Massengräber ausgewählt, in denen Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge ruhen.

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Zu Beginn zitierten wir abwechselnd hinter und vor dem Gräberfeld Aussagen von Lagerüberlebenden, die wir in der Vorbereitungsphase ausgewählt hatten. Dabei schienen uns insbesondere drei Aspekte wichtig:

1. „Kommunikation als Überlebenshilfe im Lager“

In diesem Zusammenhang wurde anhand der Aussagen des Franzosen Hélie de Saint Marc festgestellt, dass sich die Häftlinge aus 23 Nationen nur in der primitiven Sprache des Lagers mit einfachen Worten wie „essen, schlafen, Kälte, Hunger, Angst“ verständigen konnten. Und der Italiener Dino Burelli berichtete, dass es die gemeinsamen Gebete waren, die ihm halfen, ums Überleben zu kämpfen, während der als Sanitäter eingesetzte Lette Miervaldis Berzins-Birze versuchte, jeden Häftling im Krankenrevier in seiner Heimatsprache zu begrüßen, was den Kranken zwar nicht half, jedoch in ihnen ein Gefühl von Beistand erwecken sollte.

2. „Kommunikation im Lager”

Der französische Überlebende Georges Petit, der seit 1994 an den jährlichen „Tagen der Begegnung“ teilnimmt und seitdem schon mit Teilnehmern zahlreicher Gedenkaktionen ins Gespräch kam, beschrieb die „Lagersprache“ als einen Jargon aus deutschen Satzfetzen vermischt mit russischer und polnischer Gossensprache, die jeder der Häftlinge zu akzeptieren hatte, obwohl das Verwenden dieser Sprache letztendlich auch eine Form des Verfalls jedes Einzelnen verkörperte. Dem Italiener Dino Burelli zufolge war das Hauptthema jeglicher Kommunikation im Lager – wenn die ausgezehrten Häftlinge überhaupt die Kraft zum Reden fanden – das Essen, um das angesichts des ständigen Hungers alle Gedanken kreisten. Der Pole Edmund Wojnowski dagegen beschrieb noch eine ganz andere Art von Verständigung: „Mein Bettnachbar sagt kein Wort. Aber ich höre, dass er atmet, also lebt.“ Miervaldis Berzins-Birze schilderte darüber hinaus auch die Entwürdigung der Häftlinge, wenn den Toten die Häftlingsnummer auf das Bein geschrieben wurde – denn „Namen hatten im Lager keine Bedeutung.“ Dieser Aspekt spielte auch bei der Auswahl des Ortes für die Gedenkaktion eine große Rolle. Wir wählten dafür das Gräberfeld aus, da dort inzwischen 623 Namenstafeln durch den Förderverein angebracht worden sind, um den in sechs Massengräbern Verscharrten ihre Identität zurückzugeben.

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3. „Kommunikation nach der Befreiung”

Vielen Überlebenden bereitete nach der Befreiung das Sprechen über das im Lager Erlebte große Probleme, denn „… man muss wissen, Worte waren schwer zu finden… Hunger haben, geschlagen werden, arbeiten… Diese Worte hatten nicht mehr dieselbe Bedeutung für den Überlebenden und seine Umwelt. So haben die meisten von uns geschwiegen.“ wie es der Franzose Roger Leroyer erklärt. In der Auseinandersetzung mit den Texten Leroyers fanden wir auch heraus, dass es „deutsche Jugendliche, die etwas wissen wollten…“ waren, die ihn dazu brachten, sein Schweigen zu brechen.

Die Feststellung, dass die Würde der Häflinge im Konzentrationslager Tag für Tag und Stunde für Stunde auf schlimmste Weise verletzt wurde, machte uns in aller Dringlichkeit deutlich, dass das verhängnisvolle Geschehen im Lager nicht vergessen werden darf. Gleichzeitig wurde uns aber auch bewusst, dass wir alle heute dafür verantwortlich sind, dass die Menschenwürde nicht nur als Artikel 1 auf dem Papier des Grundgesetzes stehen darf, sondern im täglichen Leben für alle Menschen Gültigkeit besitzen muss.

In den Sprachen deutsch, französisch, russisch, italienisch, holländisch und polnisch hatten wir stellvertretend für alle im Lager gesprochenen Sprachen den Satz DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR! auf ein großes Transparent drucken lassen. Auch akustisch forderten wir in allen sechs Sprachen diesen Satz ein, bevor wir das Spruchband hinter dem Gräberfeld – für alle Gäste sichtbar– ausrollten, um das Gräberfeld trugen und davor ablegten.

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Im Anschluss daran kommunizierten wir unsere eigenen Gedanken, was für uns persönlich zur Würde des Menschen gehört. Max forderte u.a. eine freie Gesellschaft ein, in der alle Menschen gleichgestellt sein sollten und jeder Mensch lieben können sollte, wie und wen er möchte. Laura und Leon drangen auf körperliche Unversehrtheit und Meinungsfreiheit, und Sanja verlangte für jeden Menschen Respekt, Akzeptanz sowie die Sicherstellung von grundlegenden Bedürfnissen wie Essen, Schlafen oder auch hygienischer Standards. Und Esther verband die Würde des Menschen mit dem Recht auf freies Bewegen.

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Dann stellten wir – wieder in den Sprachen deutsch, französisch, russisch, italienisch, holländisch und polnisch – den Satz: DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR in Frage, denn in Vorbereitung des Projektes hatten wir festgestellt, dass nicht für alle Menschen die Menschenwürde gesichert ist. Für die Millionen Flüchtenden vor Kriegen und für Menschen in vielen Staaten unserer Erde, auch in unserem eigenen Land, ist die Einhaltung der Menschenwürde bei weitem nicht immer selbstverständlich. Mit der Aussage und Aufforderung: „Wir brauchen JEDEN! damit dieser Satz keine Illusion bleibt. Wir laden Sie alle dazu ein, Ihre Gedanken zur Menschenwürde aufzuschreiben und an die Pinnwand zu heften.“ beendeten wir unsere Aktion.

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An die bereitstehende Pinnwand hefteten wir zunächst unsere Forderungen und forderten die Gäste der Gedenkveranstaltung auf, nach der Veranstaltung mit Stiften und Papier ihre Gedanken in Worte zu fassen und neben unseren Äußerungen anzubringen. Dabei konnten wir mit den Gästen, insbesondere der Gruppe der 2. Generation, ins Gespräch kommen.

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Während und nach der Gedenkaktion entstand folgende Videoaufzeichnung:

LINK Video: Tag der Begegnung

Das Spruchband wurde später am Gräberfeld befestigt und blieb für einige Monate dort als temporäre Spur. Auch die Pinnwand wurde im Verwaltungsgebäude der Gedenkstätte aufgestellt, so konnten alle Besucher unsere Worte lesen und eigene Gedanken zur WÜRDE DES MENSCHEN formulieren.

Auch unsere Blumen, die wir niedergelegt hatten, blieben noch als temporäre Spur von uns zurück.

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Text: Maximilian Friedrich, Sanja Kappe, Laura Karnowski, Leon Jänichen, Esther Feistauer

Fotos Martina Lucht 2016

Video: Ulrich Kallenberger, Sozialarbeiter Berufsbildende Schulen „Geschwister Scholl“ Halberstadt

Quellenangabe für die bei der Gedenkaktion verwendeten Texte:

Berzins-Birze, Miervaldis: Erinnerungszeugnis, Sammlungsbestand Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge.

Burelli, Dino: Mama, mir geht’s gut … Ich hab mir nichts getan!, Magdeburg 2010.

Leroyer, Roger: Clamavi ad te, Jena 2003.

Petit, Georges: Rückkehr nach Langenstein. Erfahrungen eines Deportierten, Hürth 2004.

de Saint Marc, Hélie: Asche und Glut. Erinnerungen, Friedberg 1998.

Wojnowski, Edmund: Erinnerungszeugnis, Sammlungsbestand Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge.