Der Tango des Todes

Mein Name ist Dmitry Erokhin. Vor zwei Jahren bin ich aus Russland zum Studieren nach Deutschland gekommen und habe damals an dem DenkT@g 2014 teilgenommen. Die Idee einer neuen Projektarbeit entstand, als ich die furchterregende Geschichte des Zwangsarbeits- und Konzentrationslagers Janowska bzw. „Tal des Todes“ in Lwiw (Lemberg) kennenlernte. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich gesehen habe, wie die Musik zum Zweck der Abschreckung, psychischen Erniedrigung und moralischen Vernichtung benutzt wurde.

Während der Foltern, Misshandlungen und Erschießungen spielte in Janowska immer Musik. Das aus den Häftlingen bestehende Orchester spielte dieselbe Melodie — „Den Tango des Todes“.

Janowska Orchester. USHMM (78708-01), courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

Janowska Orchester.
USHMM (78708-01), courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

Das Foto der Orchestermusiker war eines der Anklagematerialien bei den Nürnberger Prozessen. Während der Hinrichtungen befahlen die Nazis dem Orchester, den Tango, während der Foltern den Foxtrott zu spielen, und manchmal zwang man die Orchestermusiker, abends unter den Fenstern des Vorgesetzten des Lagers mehrere Stunden nacheinander aufzutreten.

Kurz vor der Befreiung Lwiws durch die Truppen der Sowjetischen Armee haben die Nazis einen Kreis aus 40 Menschen aus dem Orchester aufgebaut. Die Wachleute des Lagers haben die Musiker umzingelt und befohlen, zu spielen. Zuerst wurde der Dirigent des Orchesters, Mund, hingerichtet. Auf Befehl des Kommandanten sollte jeder Orchestermusiker ins Zentrum des Kreises hineingehen, das Instrument auf die Erde legen und sich ganz ausziehen, wonach er durch einen Kopfschuss hingerichtet wurde.

Ich hielt mir dieses grässliche Bild vor Augen und mir wurde es schauerlich. Was für Unmenschen waren sie, um zu so was fähig zu sein.

Diese Geschichte hat mich an die Abschiedssinfonie von Haydn erinnert. Sie wird beim Licht der Kerzen, die an jedem Pult brennen, aufgeführt. Die Partei beendend, löscht der Musiker die Kerze und verlässt die Szene. Endlich bleibt ein Musiker, der nach den Schlussakkorden mit dem Bogen die Flamme der Kerze abschlägt und unter dem Beifall abgeht.

Im Lager Janowska gab es weder Kerzen noch Beifall. Aber die Leben der Häftlinge erloschen unter den Geschossen der Nazis mit solcher Unabwendbarkeit wie Flammen an den Pulten bei der Aufführung der Sinfonie Haydns.

Die Prozedur der Erschießung der Musiker muss gewiss von einem guten Kenner der Musik als Nachahmung der Abschiedssinfonie gewählt worden sein.

Dadurch haben die Nazis das Gedächtnis des großen Komponisten misshandelt, der in seinen Werken das Gute besang und die Menschen aufrief, für die Feier des Lichtes über der Finsternis, deren Personifikation die Nazis und ihre Mithelfer wurden, zu kämpfen.

Dann begann ich mehr zu recherchieren. Das Thema ging mir nah. Ich habe erfahren, dass die Musik nicht nur von den Nazis zu ihren ungeheuerlichen Zwecken verwendet wurde, sondern auch manchmal von den Häftlingen selbst ausging, die ihre Orchester gründeten, und für die die Musik zum Mittel des Widerstandes, der Einigung und der Geisteskraft wurde. Die Musik unterstützte die Häftlinge, half ihnen, dem psychologischen Druck Widerstand zu leisten, und erleichterte den Schmerz. Das einfache Surren oder der Pfiff halfen, die Angst der Einsamkeit in der Gefangenschaft zu überwinden. Die Musik hat geholfen, die Eigenart und die Traditionen zu bewahren, und zerstörte die Vorhaben der physischen, moralischen und geistigen Entpersönlichung der Gefangenen.

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