Einleitung

Ausgangspunkt unseres Wettbewerbsbeitrages ist das historische Foto der Turnstunde der jüdischen Kinder von Lünen mit ihrem Lehrer im Jahr 1932 vor ihrer jüdischen Schule.

Dabei wird nur zu deutlich, dass das Foto der Turnstunde die unterschiedlichen Schicksale der jüdischen Mitbürger offenlegt – wie Flucht, Emigration, Konzentrationslager, Ermordung.

Es geht bei unserer Webseite jedoch nicht um die geschichtliche Aufarbeitung des biographischen Werdegangs der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Vielmehr sollen gleichsam mit Hilfe einer „experimentellen Spurensuche“ die Gefühle, die Sehnsüchte und Träume der Kinder der Turnstunde fiktiv erschlossen werden, um so das ganzheitliche Menschsein zu thematisieren. Nicht vom qualvollen Tod oder gar von der brutalen Vernichtung in einem Konzentrationslager her soll das Leben der jüdischen Kinder betrachtet werden, sondern im Augenblick, im konkreten Moment der Turnstunde sollen die Persönlichkeit und die individuelle Situation der Kinder zu Wort kommen. Die so entstandenen Texte (z.B. erfundenen Briefe, Steckbriefe und Tagebucheintragungen) sollen die Wirklichkeit der Kinder der Turnstunde erschließen und ihre möglichen Lebensentwürfe transparent werden lassen. So hoffen wir Webseitenersteller möglichen Zugang zu Kultur, Freizeit, Freundeskreis und religiöse Pflichten der jüdischen Kinder zu erhalten.

Schwerpunkte unserer Spurensuche:

  • Leben in der Schule

(Wo befand sich die jüdische Schule? Was ist eine jüdische Schule? Wie war das Schulleben auf einer staatlichen Schule in Lünen?)

  • Leben in der Familie und im Freundeskreis

(Hatten jüdische Kinder auch Freundschaften mit christlichen Spielkameraden und deren Familien?)

  • Leben in der jüdischen Religion

(Gab es spezielle Vorschriften beim Essen? Haben jüdische Kinder besondere Musik gehört oder selbst gespielt? Wie sah die Synagoge von Lünen aus? Was bedeute der Begriff Halbjude?)

  • Leben mit der Erinnerung

(Gibt es noch Zeitzeugen der Kinder in Lünen? Gibt es noch lebende „Hüter“ der Erinnerung? Gibt es eine Erinnerungskultur in Lünen?)

Grundsätzliche Aufgabe unserer Spurensuche soll sein, sich mit dem Foto produktiv und kreativ auseinanderzusetzen und sich dadurch dem Leben der jüdischen Kinder zu nähern.

Dabei wollen wir ausdrücklich anführen, dass zurzeit eine historische Dokumentation in Form eines Dokumentarfilms produziert wird. (vgl. unser Interview mit dem Regisseur M. Kupcziek)

Unsere Webseite zur Turnstunde als Wettbewerbsbeitrag ist als Ergänzung zu betrachten und einzuordnen, um so in das Leben, in die Kultur der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger einzutauchen.

Als Voraussetzung für diese Arbeit ist eine umfassende Sensibilität und große Empathiefähigkeit der jugendlichen Webseitenersteller notwendig. Diese Tugenden ermöglichen es erst in Vergangenheit und auch Gegenwart, den ganzen Menschen im Blick zu nehmen, ob als fremder Staatsangehöriger, ob als fremder Gläubiger, ob als Asylant oder Flüchtling aus fernen und unbekannten Ländern, oder ob als Mitschüler oder Mitglied im Sportverein. Oder gar als einfacher Nachbar mit anderem kulturellen Hintergrund. (Anmerkung: Es muss nicht unbedingt ein Fußballspieler sein.)

Wenn wir uns auf Identitäten anderer Menschen einlassen, ist es letztlich unausweichlich, dass wir unsere eigene Identität versichern und so unseren eigenen Standpunkt zu finden und ihn argumentativ gegenüber anderen Menschen vertreten zu können. Erst so kann eine Diskussion auf Augenhöhe und in einer demokratischen Weise geführt werden. Daher mündet unsere Webseite in unseren eigenen Werten und Normen ein, die wir für ein zukünftiges Leben in Familie, Beruf und Gesellschaft für bedeutsam erachten. So wird unser Bogen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gespannt.

Unsere Webseite ist ein Appell zum mitfühlenden und solidarischen Handeln!

Lünen, im Juli 2016 Religionskurs EPH von Herrn Loer

Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Lünen