„DOCH ICH MÖCHTE AN EINER BESSEREN ZUKUNFT BAUEN!“

„Dafür habe ich die Deutschen gehasst“

(Bildrechte: Dr. S. Lahar)

Erbarmungslos brennt die Mittagssonne auf die Köpfe der israelischen und deutschen Jugendlichen. Im Schatten einer großen Kastanie lassen sie sich auf die Wiese sinken. Hinter ihnen liegen die Leipziger Gedenkstätte für Zwangsarbeit und ein Vortrag über das System der Arbeitslager in der Nazizeit. Vor ihnen steht Shmulik Lahar aus Israel. Der 70-Jährige bündelt das grausame Ausbeutungs- und Vernichtungssystem in der persönlichen Geschichte seiner Schwiegermutter. »Stundenlanges Stehen auf dem Appellplatz, bei Sonne, Regen, Schnee«, vergleicht er damals mit der Situation der Jugendlichen jetzt.
Der Historiker erzählt von der Textilfabrik, die seine angeheiratete Familie einst besaß, dann vom Warschauer Ghetto, wohin sie ziehen mussten. Von dort aus sei die Familie in Vernichtungslager zerrissen worden: Treblinka, Majdanek, Auschwitz. Seine Schwiegermutter Elena Gutman kam schließlich zur Arbeit in die Munitionsfabrik der HASAG nach Leipzig. Das Konzentrationslager Buchenwald hatte hier ein Außenlager. Der Marsch von tausenden hungernden Zwangsarbeiterinnen vom Lager zur Fabrik sei zwar von der Bevölkerung wahrgenommen worden.
»Sie haben aber nichts getan, um zu helfen«, empört sich Shmulik Lahar. »Dafür habe ich die Deutschen gehasst«, ruft er. Man könne zwar vergeben, aber nicht vergessen. »Doch ich möchte an einer besseren Zukunft bauen. Und deshalb gibt es diesen Jugendaustausch«, erklärt der 70-Jährige, warum er sich seit Jahren für diese und viele weitere Begegnungen einsetzt.
Seit fünf Jahren organisiert Jürgen Scheinert vom Landesjugendpfarramt den Austausch von Schülern aus Großenhain und Meißen mit Schülern aus dem Großraum Tel Aviv in Israel. »Es geht darum, Vorurteile abzubauen«, sagt der Referent für schulbezogene Jugendarbeit. Zehn Tage werden verschiedene Orte wie Prag, Dresden, Pirna-Sonnenstein und Berlin aus dem Blickwinkel des Holocaust besucht.
Dabei ist die Rollenverteilung zwischen Deutschen und Israelis nicht so eindeutig. In der Familie von Alina aus der Nähe von Großenhain zum Beispiel sei die Nazizeit tabu. »Meine Oma ist die einzige Überlebende«, erzählt sie von ihrer Großmutter, die in der Sowjetunion lebte. Die Jugendbegegnung aber finde die 15-jährige Christin spannend: »Ich lerne viel über die jüdische Geschichte, Kultur und Religion. Lerne, wie sie leben.« Ihre Eltern dagegen habe Alina erst überzeugen müssen. »Sie hatten Bedenken wegen Israel, ob es nicht zu gefährlich wäre.«
Ihr israelischer Austauschpartner Roee Mimran wohnt während des Aufenthaltes bei Alinas Familie. Nach dem Vortrag von Shmulik Lahar sagt der 14-Jährige: »Es ist hart, diese Geschichten zu hören. Aber wir können darüber reden. Denn Menschen ändern sich.«

Aus: Der Sonntag, 2.September 2018 (Uwe Neumann)