„DU MUSST LAUT SEIN… damit man dich hört, damit sie merken, wir leben noch!“ (Zitat: Mutter von Shmulik)

Du musst laut sein!

Shmulik:“ Als ich das erste Mal nach Deutschland kommen wollte, ging ich zu meiner Mutter und sagte: `Mom, soll ich nach Deutschland
fahren? Ich habe eine Einladung, eine Tanzgruppe zu begleiten.“

Meine Mama sagt: `Bist du dumm? Du bist ein Bock! [Bock in Jiddisch ist dumm] Na klar musst du nach Deutschland gehen! `

„Mom, ich kann überhaupt kein Deutsch! Ich muss es erst lernen.“

Sie sagt: ‘Geh nach Deutschland und sei laut!

„Mom, warum?“

`Die Deutschen sollen wissen, dass die Juden noch leben!“`


Vor dem Gebäude der ehemaligen HASAG in Leipzig erzählte uns Shmulik in seiner unnachahmlichen Art, in einem Mix aus Englisch und Deutsch folgendes:

Ich will euch etwas über die Vergangenheit der Familie meiner Frau erzählen.

Sie hatte an diesem „schönen“ Platz überlebt. Der „schöne“ Platz namens HASAG. Das war Ironie. Es war nicht schön. Du kannst nicht vorstellen was hier war, wenn du es nicht selbst miterlebt hast.
Ihr habt Frühstück gegessen, es ist noch nicht mal 12 Uhr und ihr habt schon wieder Hunger? Stell dir jemanden vor, der kein Frühstück hatte und Kilometer weit nach Leipzig, zu diesem Platz laufen musste, egal ob es Sommer oder Winter war. Und er kommt her arbeitet 10-12 Stunden und am Ende des Tages bekommt er 2 Scheiben Brot und etwas Suppe. Dies wiederholt sich jeden Tag aufs Neue. Wenn du manchmal schlafen gehst, schläfst du nicht, weil sich Leute beschweren, dass der Raum zu klein wäre.

Es sind 67 Leute in einem Schlafraum. Stell dir vor was ist wenn du auf Toilette musst, wenn jemand hustet wirst du auch krank. In Deutschland friert man immer im Winter. Richtig? Was hatten sie zum Anziehen? Fast nichts! So, du kannst nicht schlafen, das größte Problem war keinen Schlaf zu bekommen. Sie gingen 3-4 Stunden jeden Tag, kein Essen und mussten dann noch 10-12 Stunden arbeiten. Wie kannst du überleben?

Das erste Mal, als ich von Leipzig hörte, hatte es mit Thomas Feist zu tun. Er arbeitete erst für die Kirche und wurde dann Bundestagsabgeordneter.

Er lebte in Leipzig und lebt heute immer noch hier. Er war ein Musiker. Als ich ihn 1995 getroffen habe, war es in Israel. Wir hatten ein Seminar für Jugendaustausch. Ich mochte ihn, weil er wie ein Hippie aussah. Er hatte keine Haare und viele Ohrringe, ich denke 40 Ohrringe. Ich sagte, er ist ein anderer Deutsche. Ich mochte es.

Ich erzähle es euch, weil ich in mir immer noch Hass auf die Deutschen hatte und es war noch nicht weg. Aber ich ließ die Zukunft entscheiden. Das ist auch der Grund warum ich den Schüleraustausch mit Deutschland startete.
Ich fragte ihn, ob er mich vielleicht besuchen wolle. Ich war ängstlich. Warum?
Meine Frau sagte, wenn du diesen Austausch machst und es ist wichtig einen Austausch mit Deutschland zu machen, aber niemals, niemals mit Dresden oder Leipzig. Ich wusste, dass Thomas von Leipzig war. Was sollte ich machen? Ich hatte Angst, dass mich meine Frau „rausschmeißt“. Ich sagte ihm, dass er nicht sagen dürfe dass er von Leipzig ist.

Sage ihr, dass du aus einer anderen Stadt kommst. Und er kam und sie mochte ihn. Er ist ein sehr toller Mensch. Nachdem er ging, er blieb bei uns zwei Tage, sagte ich zu meiner Frau, ob sie wisse woher er ist. Er ist von Leipzig, so warum nicht Leipzig oder Dresden?
Weil ihre Mutter hier überlebte! Sie war nie hier und trotzdem sagte sie, es wäre schrecklich, wir sollten niemals in diese Städte gehen. Meine Frau kam das erste Mal 2006 nach Deutschland.

Nach dem Besuch von Thomas hat sich ihre Meinung etwas geändert, aber ich wusste nicht warum. Sie war sehr beschäftigt, sodass wir nicht immer über diese Dinge geredet haben. Holocaust – Was ist passiert?
Meine Frau war „süchtig“ nach Dokumenten Sie hatte Dokumente über Dokumente bekommen über ihre Familie. Hier ist ihre Geschichte.
Ich versuche mich kurz zufassen.

Sie waren eine tolle jüdische Familie, welche in Warschau lebte. Sie hatten es gut. Sie hatten eine Textilfabrik und die ganze Familie arbeitete in dieser Fabrik. Es ist schwer das zu sehen. Ihr seht die Fotos? Diese sind von der Familie meiner Frau.

(Bildrechte: Rina und Dr. S. Lahar)

Diese Familie hatte die Textilfabrik, von der ich erzählt hatte. Der Vater ist Eliakim, das ist der älteste Bruder Mordechai, das ist Jakov, auf dem Foto ist er 17 Jahre, das ist die kleine Lea – auf dem Foto 10 Jahre alt und das ist Dora (Dorka). Sie waren eine religiöse Familie. Da ist Fraida, die Tante und das ist meine Schwiegermutter Hela, sie lebten in Warschau.

Und wie machten sie Fotos? Der älteste Bruder, Mordechai, ging nach Palästina. Israel war besetzt von England. Er ist nach Palästina gegangen, um in Haifa Ingenieur zu studieren und er hat es geschafft und lebte in Palästina.
Er sendete Fotos. Im Sommer 1939 kam er, um seine Familie in Warschau zu besuchen und er machte Fotos. Wann startete der Krieg? Im September zuvor. Es war der letzte Besuch bei seiner Familie und der Kontakt brach ab.

Ein anderes Foto von einem Essen.

Das sind Dora, Lea, der Großvater von meiner Frau, die Nazis haben ihn umgebracht. Er wurde 1942 nach Treblinka geschickt. Er war sehr alt. Wie alt? 44 Jahre! Wenn du älter als 40 warst, warst du alt. Aber wir wissen nicht, was mit ihm passiert ist. In Treblinka wurden 760.000 Juden umgebracht.
Er erreichte den Zug, der gerade zu einer „Synagoge“ fuhr. Diese Synagoge war eine Gaskammer. Wie viele haben überlebt? 4 Juden haben Treblinka überlebt und 760 000 wurden getötet. Rachel überlebte Auschwitz, Fraida auch. Das ist klein Jakov, ein kleiner Junge. Das ist meine Schwiegermutter Helena. Und dann hat der Krieg begonnen. Der Krieg startete und die Nazis bombardierten Polen, einige Teile von Warschau wurden zerstört. 500 000 Juden lebten dort, das war die Hälfte der Bevölkerung. Und dort bildeten sie Ghettos.

Was ist mit der Familie passiert?

Die Fabrik wird einen weggenommen (eingezogen), aber sie mussten immer noch arbeiten, denn wenn sie nicht arbeiteten, hatten sie kein Essen. Darum war es wichtig, Arbeit zu haben.

Das ist meine Schwiegermutter Helena Gutmann. Sie war in dieser Zeit 21, denke ich. Ich kann mich nicht genau erinnern. Sie wurde 1917 geboren.

Dieses Foto ist nach dem Krieg entstanden.

Vor dem Krieg sah sie so aus. Sie war eine hübsche (süße) Frau. Manche Leute mögen ihre Schwiegermutter nicht, ich liebte sie und ich tue das hier für sie.

Am Ende des Krieges, 1949, als sie Palästina erreicht hatte, war sie 32 Jahre alt. Sie hatte nur noch einen Zahn in ihrem Mund.

Dove Gutmann, mit ihm verlobte sie sich vor dem Krieg.
Er war ein richtiger Arier, blonde Haare und blaue Augen. Und er war glücklich mit ihr. Er verließ Polen im August 1941, mit einem Kreuzfahrtschiff, für einen Urlaub. Das Schiff stoppte in Haifa, welches zu Palästina gehörte und unter englischer Herrschaft war.
Er war erst 1949, also 11 Jahre später bei ihr und diese Liebe existierte immer noch.
Sie verlobten sich ziemlich schnell, sie hatte keine Zähne im Mund und er verstand nicht was sie erlebt hatte. Er hatte nichts vom Holocaust mitbekommen. Sie ging sieben Jahre in die Hölle und das ist der Grund warum er bei ihr bleiben wollte.

Was ist passiert? Neun Monate später bekamen die beiden ein Kind. Das ist das erste Kind Eliakim, nach dem Opa benannt, welcher von den Nazis getötet wurde.

Der Arzt erzählte meiner Schwiegermutter, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne, da ihr Körper zu knochig (müde) war.
Aber der Wille zum Überleben war stärker! Sie wollte noch ein Kind. Sie wurde schwanger mit meiner Frau. Hier ist das Foto. Meine Frau ist die bezauberndste Frau auf der Erde. Sie ist es! Und das nicht nur weil es meine Frau ist!

Sie (Hela) wurde schwanger, aber sie ging zu keinem Arzt. Sie hatte Angst, ihr Kind zu verlieren. Sie brachte meine Frau in der Mitte des siebenten Monats zur Welt. Sie ist 1952 geboren.

Solche Kinder sterben normalerweise, aber sie überlebte. Sie verbrachte mehr Zeit in Krankenhäusern als zu Hause.

Meine Frau wuchs inmitten des „Holocaust“ auf. Ihre Mutter war immer krank.
Sie schrie in der Nacht. Das ging viele Monate so.
Sie war eine wundervolle Frau, sie starb im Alter von 63 Jahren, zwei Monate bevor meine Tochter, meine erste Tochter, geboren wurde. Meine Tochter ist nach ihr benannt, wir haben sie nicht Helena genannt, sondern Hilla. Das war das was meine Frau in den Brief schrieb, den Brief an die Gründerin des Museums.

Jetzt, was war mit Helena? Der Vater von ihr wurde im Warschauer Ghetto getötet. 1944, der Aufstand dauerte einen Monat und das gesamte Ghetto ist abgebrannt und zerstört wurden. Es überlebten 50 000 Juden aus diesem Ghetto. Diese wurden zu Todes-Camps gebracht bzw. sind gegangen.
Helena, Lea (Leale),, Dora, Jakov und die Großmutter wurden nach Majdanek gebracht. Dort wurde jeder Einzelne umgebracht, insgesamt 560 000 (78.000). Die Großmutter war alt, sie wurde gleich in der Gaskammer vergast. Der Rest war happy, denn sie wurden arbeiten geschickt.

Auch Lea (Leale), sie war erst 12 Jahre alt und wurde arbeiten geschickt! Unglaublich! Aber sie wussten, dass jeder hier vergast wird, also mussten sie Majdanek verlassen.

An einem Tag hatten sie Appell. Alle Menschen mussten in einer Reihe stehen und sie mussten zählen. Auch manchmal viele Stunden in der Kälte.
Sie fragten ob es eine Schneiderin geben würde, es waren nur Frauen. Meine Schwiegermutter trat einen Schritt nach vorne, obwohl sie keine Schneiderin war. Sie war Lehrerin für Kunst.

Sie verließ Majdanek, indem sie sich selbst jünger gemacht hatte. Sie hatte verstanden, dass wenn man alt ist, von den Nazis umgebracht wird. Wo haben die Nazis sie hingebracht? Sie wurde zu einer Fabrik gebracht, wo sie Kleidung herstellen mussten. Viele sind gefolgt, da sie wussten in Majdanek würden sie nicht überleben.

Wo wurde sie später hingebracht? Sie wurde zur HASAG gebracht. Was sollten sie machen? Die Frauen mussten den Sprengstoff und die Chemikalien in die Bomben füllen. Diese Chemikalien haben die Menschen von innen verbrannt. Sie wurden gelb, fielen um und waren tot.
Wie hat meine Schwiegermutter überlebt? Keiner weiß es und wir haben auch nie darüber geredet.

Viera, eine gute Freundin hat auch überlebt. Sie starb mit 80, sodass wir mit ihr persönlich reden konnten. So haben wir gute Informationen bekommen. Wie überlebte sie? Wisst ihr was sie uns erzählte? Sie machte wundervolle Sachen von kleinen Stoffresten. Sie machte Klamotten für die Gefängnisse, sie machte auch Schuhe. Jeder half dem anderen und wenn man sich gegenseitig nicht half, überlebte man nicht.

Was ist mit den drei Schwestern in Majdanek passiert? Leale (die jüngste) sie war so dünn, ihre letzte Kleidung bestand nur aus einem Sack. Meine Schwiegermutter machte ihn für sie. Und eines Tag sah sie, dass es einen Transport weg von Majdanek geben soll. Jeder wollte Majdanek verlassen. Die zwei älteren Schwestern Dora und Rachel sind in den Zug eingestiegen. Wo fuhr er hin? Nach Auschwitz-Birkenau? Von schlimm zu schlimmer. Aber wer wusste das?
Was passierte mit Leale?
Die Schwestern entschieden Leale nicht in den Zug zu stecken. Sie hätte nie eine Chance gehabt.

Die eine Schwester Rachel überlebte. Das letzte Mal, dass sie Leale sah, war aus einem Viehwagon heraus. Leale war 14!
Rachel schmiss ihre Brille weg und zertrat sie und betete zu Gott. Stellt euch so ein junges Mädchen vor, was ganz allein auf dieser Welt ist. Ohne Familie, ohne niemanden.
Das war das letzte Bild von Leale.
Ich erzähle diese Geschichte, weil jemand sich erinnern muss.

Meine Schwiegermutter Helena musste mit Holzschuhen in gestreiften Sachen durch Leipzig laufen. Das ist der Grund, warum ich die Deutschen aus dieser Zeit hasse.
Sie haben nichts getan! Sie hätten Brot schmeißen können oder irgend so etwas!
Sie taten nichts! Warum? Das waren keine Tiere! Es waren nicht nur Juden, auch Polen und aus vielen anderen Nationen.

Am Ende des Krieges gaben die Nazis den Gefangenen mehr Essen. Warum?
Der Osten war endlich befreit und sie brauchten mehr Sklaven. Doch ohne Essen können sie nicht überleben. Den Gefangenen wurde dies aber nicht mitgeteilt.
Bei einem Appel wurde ihnen gesagt, dass man sie erneut wegtransportieren würde. Unglaublich! Sie haben sie zu einem Konzert eingeladen. Könnt ihr es glauben? Am Ende des Krieges brauchten die Nazis „Kriegspower“!

Sie mussten auf den Todesmarsch. Am 6. oder 7.Mai 1945 wurden sie befreit. Sie versuchten nach Polen zu gehen. Zu der polnischen Stadt Lodz. Eine Freundin hatte dort ein großes Haus mit vier Stockwerken. Jetzt lebten dort polnische Flüchtlinge. Diese nahmen sie auf und meine Schwiegermutter und eine Freundin konnten auf dem Dachboden wohnen. Sie wollten aber nach Israel. Sie überquerten die Alpen zu Fuß nach Italien, wo sie sich ein kleines Boot nahmen. Sie wollten nach Palästina. Die Briten fingen das Boot ab und sie wurden nach Zypern geschickt.
Im Mai 1948 ist Israel unabhängig. Die beiden kamen nach Tel Aviv. Und sie heiratete ihren Verlobten.