SHMULIK (Dr. S. LAHAR)

Dr. Samuel Lahar

70 Jahre alt, 7 Studienabschlüsse, unter anderem an der Harvard University, „der beste Tänzer der Welt“… so der Mann über sich, den alle nur Shmulik nennen.

Ein Mann mit einer beeindruckenden Geschichte, die er uns in einem fesselnden Interview berichtete. Der weltoffene Israeli wurde im Dezember 1949 geboren. Von seiner ergreifenden Geschichte handelt der folgende Lebenslauf.

Shmulik ist der Präsident von seiner Non-Profit-Organisation I&EYE (Israeli and European Youth Exchanges), die er vor 15 Jahren gründete. Schon davor leitete er viele interkulturelle Jugendaustausche, z.B. zwischen israelischen, palästinensischen und europäischen Jugendlichen (z.B. aus Deutschland oder Polen). Mit solchen Begegnungen kämpft er aktiv gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Shmuliks Traum und Ziel sind, mit diesen Jugendaustauschen Brücken zwischen den Völkern zu bauen, um vielleicht die Meinung einiger Leute ändern zu können.

Zitate über Shmulik von einigen Teilnehmern am deutsch-israelischen Jugendaustausch:

„I think that he does a really important job- this exchanges are very important because it´s important for you, the germans, to know us and Israel. You shouldn´t not think that we are killers and monsters, that we´re killing the arabs´. It´s also very important for us to know you.“ (Israelischer Teilnehmer)

„It´s such a honor to sit next to him in the train and i danced with him so im the queen“  (Israelischer Teilnehmer)

He´s very smart.  (Israelischer Teilnehmer)

„I think it´s great that Shmulik managed to lead a big group of people in another country, he is wise and has a lot of life experiance. “ (Israelischer Teilnehmer)

„I love him.“  (Israelischer Teilnehmer)

„He knows more about Meißen, than we all together know about the city“ (Deutscher Teilnehmer)

Shmulik ist ein Erlebnis! Er ist so verrückt, aber auch absolut genial! (Deutscher Teilnehmer)

Ein altes, von vielen Erfahrungen geprägtes, mit Lebensenergie gefülltes Original. (Deutscher Teilnehmer)


„Es ist eine lange Geschichte 70 Jahre zu erzählen“
-Dr. Shmulik Lahar

Shmulik erzählte uns seine Geschichte in gutem Deutsch, manchmal ergänzt durch englische Sätze.

Kindheit:
„Ich bin geboren in einem Flüchtlingslager in Rumänien. Meine Eltern haben den Holocaust überlebt.“ So beginnt Shmulik seine fesselnde Geschichte zu erzählen. Als das Gebiet des heutigen Ungarns (damals Rumänien) kommunistisch wurde, waren dort keine Juden mehr erwünscht. Deshalb sind Shmuliks Eltern mit ihm und seinem drei Jahre älteren Bruder im Jahre 1951 nach Israel geflohen. Allerdings war Israel zu diesem Zeitpunkt ein sehr armes Land, da ca. eine Million Menschen jüdischen Glaubens (u.a. Holocaustüberlebende) in diesem jungen Staat ein neues Zuhause suchten. Zunächst lebte die Familie daher in einem Zeltlager, in welchem sehr schlichte Verhältnisse herrschten. Kein Strom, keine Dusche und nicht einmal Zahnpasta… für uns heute unvorstellbar.
1957 hat seine Familie ein Haus in der Wüste, in der Nähe der heutigen Großstadt Be‘er Scheva bekommen. Er berichtet mit strahlenden Augen über diese Zeit. „Für mich das war sehr gut, ich beklage mich nicht“.

Jugend:
Kurz bevor Shmulik die Schule beendete, zog er mit seiner Familie nach Tel Aviv. Seinen Schulabschluss am Gymnasium absolvierte er 1966. „Dann habe ich mich freiwillig gemeldet zu einem Militärdienst, alle mussten ihn machen, aber ich wollte ein Kämpfer sein, weil ich ein fauler junger Mann war. Ich habe gesagt ich muss mich ändern.“, teilte uns Shmulik energisch mit. Während seiner Zeit im Militär erlebte er unter anderem den Sechs-Tage-Krieg mit. Trotz vieler positiver Erinnerungen an seine Jugend, verbindet er diese Zeit jedoch auch mit negativen Erinnerungen, da sein Vater starb, als Shmulik erst 19 Jahre alt war.

Arbeits-und Familienleben:

Studium:
Da seine Familie ursprünglich aus Osteuropa kam, war ein Studium sehr wichtig für sie. „Ich habe gewusst ich werde weiterstudieren.“ Zudem gab ein früheres Gespräch seiner Eltern mit nahen Verwandten, indem sie darüber sprachen, dass man dem großen Sohn ein Studium finanzieren müsse, während der jüngere Sohn (Shmulik) einen Beruf erlernen könne, ihm einen großen Schub. „It gave me a huge push, I remembered.“ Ab diesem Zeitpunkt galt für ihn der Grundsatz: „Ich muss der beste Schüler sein!“ So bekam er jedes Jahr ein Stipendium, auch später an der Uni. Dafür musste er jedoch hart arbeiten, und viele Studentenjobs annehmen. „Aber das macht etwas für den Charakter. Man muss ein Ziel haben und wenn du ein Ziel hast, wirst du es auch erreichen“. Sein Ziel, bis zu seinem 40. Lebensjahr einen Doktortitel zu bekommen, erreichte er später auch.

Familie:
Bei einem seiner vielen Studentenjobs in einer internationalen Telefongesellschaft lernte er seine spätere Frau kennen. Im Alter von 25 Jahren heiratete er seine, zu diesem Zeitpunkt 22-jährige, Lebensgefährtin schließlich. Auch ihre Eltern waren Holocaustüberlebende. Da beide studierten, planten sie zunächst keine Kinder. Als seine Schwiegermutter jedoch an Krebs erkrankte, wollte er ermöglichen, dass die kranke Frau ihr erstes Enkelkind noch kennenlernen konnte, weshalb das junge Ehepaar im Alter von 29 bzw. 31 Jahren ihre erste Tochter bekam. Diese ist heute 39 Jahre alt. Ihr jüngerer Bruder wurde 6 Jahre später geboren.

Amerika (Minnesota):
Shmuliks erster fester Posten, im Alter von 24 Jahren, war ein Job als Lehrer und Erzieher am ersten hebräischen Gymnasium in Israel. Da seine Frau jedoch Architektur studieren wollte, was in Israel sehr schwer möglich war, traf Shmulik die Entscheidung sich um einen Posten im Außenministerium in den USA zu bewerben. Diesen Posten bekam er letztendlich auch und so zog er mit seiner Familie nach Minnesota.
Während seine Frau Architektur studierte, arbeitete er. Zu diesem Zeitpunkt hatte Shmulik schon zwei Studienabschlüsse: in Urban Planning und in Geschichte. Später entschloss auch er sich zu einem weiteren Studium, um den Doktortitel in Wirtschaft zu bekommen. Die hohen Kosten für dieses anderthalbjährige Studium hat er auf sich genommen um sein Ziel zu erreichen. „Das Leben war total kompliziert, aber es war ein schönes Leben, ich kann nichts sagen.“

Israel:
Vier Jahre später wurde ihm, aufgrund seiner vielen Titel, ein Posten als Dozent in Montreal an der McGill Universität angeboten. Diesen lehnte er allerdings ab und die Familie ging zurück nach Israel, „nach Hause“. Warum? „Das Leben für Kinder ist sehr, sehr langweilig in Amerika und Kanada und es gibt auch Antisemitismus gegen Juden überall. Ich habe das gespürt.“ Zurück in Israel hat er einen Job nicht weit von Tel Aviv als Leiter eines Kulturzentrums gefunden. Nachdem er sieben Jahre dort gearbeitet hatte, fand er eine neue Anstellung in Holon, einem Industrie-Vorort von Tel Aviv. Dort war er für die außerschulische Erziehung, also für Jugend- und Kulturzentren verantwortlich. 1988 kam er dann das erste Mal nach Deutschland.

Harvard:
Als Shmulik in einer Zeitung las, dass es die Möglichkeit auf ein Stipendium in Harvard gibt, bewarb er sich dafür. „Ich bin Sternzeichen Schütze. Schützen mögen es nicht die ganze Zeit dasselbe zu machen. Was kann passieren? -Ich probiere.“ Er empfand dies als eine gute Möglichkeit für seine Kinder, Englisch zu lernen. Außerdem würden sie eine ausgezeichnete Erfahrung fürs Leben machen. „Und ich habe Glück gehabt. Man hat mich gewählt.“ Er selbst erinnert sich gern an diese Zeit und trägt bis heute einen Ring aus Harvard. Diesen zeigte er uns voller Stolz und erklärte währenddessen, dass er diesen einmal seinem Sohn vererben will, damit er eine Erinnerung an seinen Vater hat. In Harvard hat Shmulik innerhalb eines Jahres seinen zweiten Abschluss in „Management“ gemacht. „Ich mag studieren, ich denke, wenn man studiert versteht man mehr, wie viel man nicht weiß. Auch wenn Studenten scheinbar alles wissen, verstehen sie noch nichts!“

Israel:
Zurück in Israel hat er einen neuen Posten als Stadtplaner in Holon angenommen, bei dem ihm sein Abschluss in Urban Planning zu Gute kam. Etwas Besonderes, da nicht jede Stadt einen Stadtplaner hatte.

Amerika (Arizona):
Da er aber wieder etwas anderes machen wollte, hat er nochmal einen diplomatischen Posten gesucht und diesen in Arizona gefunden. Dort hat dann sein Sohn das Gymnasium beendet, während seine Tochter ihren Wehrdienst in der israelischen Armee absolvierte.

„Rente“

Israel:
Drei Jahre später ist er nochmals zurück nach Israel gekommen und hat den gleichen Job als Stadtplaner wieder aufgenommen. Daraufhin hat er im Alter von 57 Jahren die Stadtverwaltung verlassen. Aber „Ein Rentner zu sein und nichts zu machen kommt für mich nicht in Frage, weil ich weiß- ich bin hyperaktiv und ich muss etwas machen.“

Organisator der Jugendaustausche

Shmulik ist der festen Überzeugung, dass es sehr wichtig ist, diese Austausche durchzuführen. Er selbst sieht diese als Lebensaufgabe, keineswegs als Karriere. Er ist der Meinung, wenn jemand einen Traum hat und die Möglichkeit diesen durchzuführen, dann soll er dies auch tun.

Shmulik sowie die anderen Betreuer führen diese Aufgaben allesamt ehrenamtlich aus. Deshalb ist es aber auch sehr schwer, jedes Jahr wieder genug Leute zu finden, die sich bereit erklären teilzunehmen. Würde er mehr Personen für diese ehrenamtliche Arbeit begeistern können, wäre das auch eine starke Entlastung für ihn, denn die Arbeit mit israelischen Kindern ist natürlich auch anstrengend. Israelis haben ein völlig anderes Temperament als Deutsche, sie sind lauter und aufgedrehter.
Jetzt im Zeitalter von WhatsApp & Co. kommt noch dazu, dass die Eltern jeden Tag Bericht erhalten wollen, was die Kinder unternommen haben. Shmulik meint, dass die Eltern nicht verstehen, dass alle Betreuer dies ehrenamtlich machen und dadurch teilweise etwas verständnislos reagieren, wenn es keine ausführlichen Rückmeldungen seinerseits gibt.
Sein Ziel welches er sich gesetzt hat, ist zu arbeiten bis er 75 ist, d.h. noch weitere 5 Jahre. Als Begründung für diese Zielsetzung nennt er seine Enkeltöchter, welche in fünf Jahren das Alter 15 und 13 erreicht haben. Dann will er beide mit sich zu einem Austausch nehmen um ihnen die Wichtigkeit dieser zu vermitteln.

Über seine Organisation führt er diese Jugendbegegnungen mit Schulen in verschiedenen Bundesländern durch.

Überall sind diese Austausche jedes Jahr von vielen positiven Erlebnissen geprägt.
Damit leistet Dr. Shmulik Lahar mit seiner Organisation einen ganz wichtigen Beitrag zur Verständigung zwischen den Jugendlichen in Israel und Deutschland.


Die Begegnung zwischen Shmulik und Peter Maffay

Mit dem Zitat „Man kann nicht alles planen, was passiert!“ erklärt Shmulik seine ungeplante Begegnung mit Peter Maffay im Jahr 2008.

Alles begann mit einem Anruf der „Schimon Peres- Stiftung“. Schimon Peres war der ehemalige israelische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger. Diese Stiftung versucht, Brücken zwischen den Palästinensern und den israelischen Juden zu bauen.
Sie baten Shmulik um Hilfe, da eine Woche später eine 30-köpfige Schülergruppe aus Bochum mit der „Peter Maffay Stiftung“ nach Israel kommen sollte.
Dazu erklärte Shmulik uns: „Das ist Israel, alles in der letzten Minute.“
Shmulik stimmte dem Angebot zu und entwarf das Programm für die Zeit in Israel. Die Gruppe bestand insgesamt aus 60 Personen, da 15 Palästinenser und 15 israelische Juden auch mit teilnahmen. Die große Personenanzahl war kein Problem für ihn, da er gute Kontakte durch seinen Verein besitzt.
Jedoch wusste er nicht, wer Peter Maffay war und fragte deshalb seine „Schwester“ (Das ist keine leibliche Schwester, sondern seine „Schwester im Geist“.) aus Deutschland nach Peter Maffay. Diese war begeistert und freute sich für Shmulik, dass er den Sänger kennenlernen kann. Als es soweit war, kam Peter Maffay mit 30 Schülern und 30 Journalisten, u.a. auch dem heutigen Ministerpräsidenten von Nordrhein- Westfahlen, Armin Laschet.
Im Rahmen dieses Austausches gab Peter Maffay ein Konzert für die Jugendlichen.
Shmulik beschreibt Peter Maffay als sehr herzlich. Außerdem haben sich die beiden sehr gut verstanden, was auch daran liegt, dass Peter Maffay 50km neben dem Flüchtlingslager, in dem Shmulik geboren wurde, zur Welt kam.

Peter Maffay über Shmulik:

Schon früh bin ich mit dem Motorrad die Re­gion abgefahren. Israel ist die Wiege dreier Weltreligionen. Es ist entsetzlich, dass seit so vielen Jahrzehnten ein Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern tobt. Wir versuchen, mit der Stiftung einen kleinen Beitrag zur Verständigung zu leisten. Ich bin mehrfach mit Jugend­gruppen nach Israel gereist, habe mit ihnen in Jugend­herbergen gewohnt, ihnen zugehört. Wir haben gesehen, wie Israelis und Palästinenser erstmals aufeinandertreffen. Junge Deutsche waren dabei die Mediatoren, indem sie frei von Vorurteilen Brücken bauten. Ich habe erlebt, wie nach einer Stunde Israelis und Palästinenser gemein­sam tanzten. Abrocken für den Frieden. ln ihren Köpfen war kein Platz für den Konflikt. Sie dachten nur an ihre gemeinsame Zukunft.

In Israel lernte ich auch Samuel »Shmulik« Lahar ken­nen. Die Jugendlichen, die an den trilateralen Austauschprogrammen teilnehmen, nennen ihn »Daddy Cool« – eine sehr treffende Beschreibung für den schlaksigen Israeli mit den wuscheligen Haaren, dessen Mund und Hände nie stillzustehen scheinen. Die Begeisterung für die Sache steht ihm ins Gesicht geschrieben und trotz seines Alters (Shmulik ist weit über 60) leuchten die Au­gen des Historikers, der sein Land auch im diplomati­schen Dienst vertreten hat, wie die eines kleinen Jungen, wenn er mit den Jugendlichen durch die Straßen zieht und sie an geschichtsträchtige Orte führt. Seit Jahren ist Shmulik nun schon unser Partner und baut wie selbstverständlich Brücken zwischen den Kulturen. Seine Fa­milie hat selbst den Holocaust mit all seinen grausamen Auswirkungen zu spüren bekommen. Nichtsdestotrotz glaubt Shmulik unbeirrt an das Gute. Seine Hoffnungen ruhen vor allem auf den jungen Menschen. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seinen Beitrag zur Aus­söhnung zwischen Juden und Deutschen zu leisten. Er möchte das Deutschlandbild in den Köpfen der Israelis zurechtrücken. Er ist ein Idealist, der einen Großteil sei­ner Zeit ehrenamtlich im Dienste der Völkerverständi­gung unterwegs ist.
Ein Abend im Herbst 2008 in Masada ist mir ganz be­sonders im Gedächtnis geblieben. Der damalige Minis­ter für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, begleitete mich, und laut offiziellem Programm hatte die Gruppe Frei­zeit. Wir beobachteten das Spektakel aus der Ferne, und es war wunderbar, zu sehen, wie plötzlich aus den vielen kleinen Grüppchen eine große Gemeinschaft wurde. Auf dem Rückflug habe ich noch lange darüber nachge­dacht, was hier, einige Tausend Flugkilometer von uns entfernt, passiert …

Peter Maffay, Der neunte Ton: Gedanken eines Getriebenen, Kösel-Verlag; Auflage: 3 (3. Mai 2013), S.84f