Todesmarsch durch Neunheim


Todesmarsch durch NEUNHEIM am 07. April 1945

Streckenverlauf des „Hessentaler Todesmarsches“ (Skizze©Haas 2018)

Polizeiliches Protokoll des 50jährigen Fuhrknechts Friedrich KNAPP vom 07.06.1949 über den Aufbruch am Freitagmittag, den  6. April  1945 von Bühlertann über Fronhof, Uhlenhof/Willa, Rosenberg, Eggenrot, Schrezheim, Ellwangen bis Neunheim (24,5 km):

„Im April 1945 wurden meine Firma W.&F. Schaffitzel in Obersontheim durch das Bürgermeisteramt Bühlertann telefonisch verständigt, ein Pferdegespann mit Fuhrmann zu dem Transport von KZ-Insassen, die von Hessental kommend nach Allach marschieren sollten, zu stellen. Dazu wurde ich als Fuhrmann bestimmt. Ich hatte den Befehl erhalten, gegen 14 Uhr mit dem Fuhrwerk in Bühlertann an der Ellwanger Hauptstraße etwa an der Höhe des Hauses von Herrn Dr. Otto Herzog zu sein. Nachdem die Häftlinge zuvor Verpflegung erhalten hatten, mussten sie noch vor dem gegen 16 Uhr erfolgten Weitermarsch von den Begleitmannschaften Geißelschläge hinnehmen. Der Marsch ging in Schneckentempo voran. Es waren meiner Schätzung nach etwa 600 Mann, die aus Juden und politischen Gefangenen bestanden. 

 

Zeichnung des Kunstmalers Mieczyslaw Wisniewski (©Foto: Hubert Roßmann)

Ich musste hinter dem Zug herfahren, um die auf der Strecke aus Erschöpfung umfallenden KZ-Häftlinge auf den Wagen zu laden. Der erste KZ-Häftling hielt bereits nach 60 Metern. Ein marschunfähiger, an Unterernährung leidender Mann durfte sich als erstes, nachdem er Hiebe und Schläge erhalten hatte, auf das von mir geleitete Fahrzeug setzen.

Es war fürchterlich, wie sich die Wachmannschaften benahmen. Jeder hatte einen armdicken Prügel, und dann wurde der Häftling traktiert, um ihn mit Schlägen zum Aufstehen zu bringen. Erst wenn gesehen wurde, dass es einfach unmöglich war, weiterzugehen, wurden sie auf den Wagen geworfen wie ein Stück Vieh. Unterwegs vermehrte sich die Zahl der Erschöpften.

Nach einigen Hundert Metern stürzten weitere unterernährte, bis zum Skelett abgemagerte Menschen zu Boden, die ebenfalls aufgeladen wurden. Dieser Vorgang wiederholte sich in kurzer Reihenfolge, bis schließlich der Wagen überfüllt war. Bevor jedoch jemand den Wagen besteigen durfte, hat ihn die Begleitmannschaft, die aus verschiedenen uniformierten Parteianhängern bestand, diese armseligen Kreaturen in rohester Weise mit Stöcken, Prügeln und Gewehrkolben misshandelt.

Bis die Wagenstrecke zum Lindenkeller (Gemeinde Schrezheim) etwa 6 bis 7 Kilometer vor Ellwangen zurückgelegt wurde, war es inzwischen stockfinstere Nacht geworden. Kurz hinter dem Lindenkeller hörte ich einen abgegebenen Schuss.

Zeichnung des Kunstmalers Mieczyslaw Wisniewski (©Foto: Hubert Roßmann)

Obwohl ich nur den Befehl hatte, bis nach Ellwangen zu fahren, das gegen 1 Uhr nachts erreicht wurde, begleitete ich den Transport bis Neunheim

Als ich in Neunheim kurz nach Mitternacht ankam (um 2 Uhr morgens), waren etwa 60-70 solche Häftlinge auf meinem von mir gefahrenen Kastenwagen. Sie waren kreuz und quer durcheinander geworfen und viele waren natürlich unterwegs gestorben. 

In Neunheim wurden die Häftlinge dann von den Wachmannschaften heruntergeschmissen und die Toten und Lebenden auf einen Haufen geworfen, als ob die keinen Wert hätten. Das Schreien und Jammern dieser bedauernswerten Menschen war furchtbar.

Die Überlebenden sind abgeführt worden (in den Neunheimer Steinbruch) und der Dunkelheit halber konnte ich den eingeschlagenen Weg nicht verfolgen. Ich sehnte mich nach dem Augenblick, in dem ich meines Dienstes frei war und den Rückweg antreten durfte, da mich das schwere Schicksal der armen Menschen schwer beeindruckte. “