Steinbruch und Schafstall in Neunheim


STEINBRUCH und SCHAFSTALL in NEUNHEIM

Die am frühen Morgen des 7. April (Samstag, 2 Uhr) bis nach Neunheim gelangte Häftlingsgruppe wurde zum einen im Neunheimer Steinbruch einquartiert, die nachfolgende Gruppe wurde in einem Schafstall in Neunheim eingesperrt, bis sie am Abend desselben Tages wieder aufbrachen.

Der 38jährige Landwirt Michael Reeb (Pfahlenbauer), Mitglied des damaligen Neunheimer Volkssturms,  hatte in der Nacht von Freitag den 6. auf Samstag den 7. April 1945 Bereitschaftsdienst. Gegenüber der Landespolizei Aalen am 06.09. 1947 berichtete er wie folgt:

„Ein sogenannter Stab einer SS-Einheit erschien in unserem Bereitschaftsgebäude, dem Schulhaus (neben der Dorfkirche), und fragte, wo man in Neunheim etwa 100 KZ-Häftlinge unterbringen könne, die in kürzester Zeit in unserer Ortschaft eintreffen würden. Bei dem Stab handelte es sich um einen Untersturmführer, ein weiterer Angehöriger der SS im Range eines Feldwebels und einem Schreibfräulein“ (Heinrich  WickerWalling und seine Freundin).

Verschiedene angebotene Unterkünfte sagten diesen nicht zu. Dann erkundigte sich der Leiter des Kommandos nach einem Steinbruch oder dergleichen, wo man die Häftlinge geschlossen unterbringen könne und die Bewachung gewährleistet sei. Wir führten das Kommando daraufhin zu dem am Ortsausgang Richtung Ellwangen befindlichen Steinbruch, der den SS-Leuten nach Besichtigung für den gewünschten Zweck geeignet erschien. Unter anderem äußerte sich der betreffende Untersturmführer (Heinrich Wicker), >>die Unterkunft braucht nicht besonders gut sein, es könnten nicht genug verrecken diese Nacht<<.“ 


Unterkunft der KZ-Häftlinge im Neunheimer Schafstall

Schafstall in Neunheim (©Foto: Haas)

Der Landwirt Michael Reeb (Pfahlenbauer) berichtete, dass am Morgen die Häftlinge in einen Schafstall in der Nähe der Dorfkirche gesperrt wurden.

Der Schafstall gehörte dem Landwirt Alois Reeb (Schwarzenbauer) (1887-1969). Dessen Nachbar, der Landwirt Josef Heilmann (Dürrbauer, 1909-1964) berichtet bei der Vernehmung am 01.04.1949 wie folgt: „Die Häftlinge sahen furchtbar aus und machten sogar schon einen tierischen Eindruck. […] Beim Kommando befanden sich noch einige Unterscharführer, die sich roh und rabiat den Häftlingen gegenüber benahmen. […] Es war zwischen 8 und 9 Uhr vormittags, da fiel ein Schuss aus Richtung der Kirche, andere Leute sagten später, man habe dorthin einen Häftling geschafft, weil er um Kartoffeln gebettelt habe. Dort sei er auch umgelegt worden.“ 

Gemeinsam mit dem Landwirt Alois Reeb forderte Josef Heilmann die Neunheimer Bäurinnen auf, Kartoffeln für die Häftlinge zu kochen.

Dazu Alois Reeb: „Bei der Essensausgabe spielten sich widerliche Szenen ab. Die Häftlinge waren in ihrer Gier nach Essen nicht zu bändigen, so dass es zu Schlägereien kam, bei denen Kapos eingriffen. Ich sah, dass ein Kapo mit einem schweren Knotenstock einige Häftlinge einfach totschlug. Jedenfalls sind sie nach den Misshandlungen gestorben.“ 

Der KZ-Häftling Nathan Szruba gab 1949 zu Protokoll, dass die Häftlinge Pellkartoffeln bekamen und wie schon in Bühlertann es wegen Verteilungskämpfe bei der Essensausgabe zu Schägereien unter den Häftlingen kam, worauf die SS-Leute und Kapos schlagend mit schweren Prügeln oder Gewehrkolben eingriffen.


Unterkunft der KZ-Häftlinge im Neunheimer Steinbruch

Steinbruch vor Neunheim (©Foto: Haas)

Der ehemalige KZ-Häftling Alexander Donat schilderte den Tod eines Jungen im Steinbruch:

„Der Boden war nass und schlüpfrig. Wir mussten an den Abhängen der Grube liegen, um nicht direkt im Wasser, das sich auf dem Boden gesammelt hatte, zu liegen. Neben mir weinte ein Junge mit einer dünnen Stimme: ich friere, ich friere! Aber schließlich wurde auch er vom Schlaf übermannt und rutschte auf den Boden der Grube. Als wir bei Dämmerung steif und von Kopf bis Fuß mit Lehm beschmiert aus der Grube kletterten, lag er immer noch am Boden: er war tot.“ 

 


Verscharren der KZ-Häftlinge im Neunheimer Steinbruch

Der 45jährige SS-Rottenführer Stefan Neckel berichtete bei seiner Vernehmung vom 17.09. 1970, dass er am Samstag, den 7. April 2015 in einer Ortschaft den Befehl zur Bewachung von Häftlingen beim Ausheben eines Grabes hatte: „In einem verlassenen Steinbruch wurde ein großes Grab ausgehoben und etwa 20 tote Häftlinge, die mit einem Pferdefuhrwerk direkt dorthin transportiert wurden, darin begraben. Zugegen war ebenfalls der ehemalige Unterscharführer Hamacher.“ 

 

Mieczyslaw Wisniewski (1925-2006) (©Foto: Hubert Roßmann)

Am nächsten Tag sollen nach dem Hörensagen weitere Häftlinge  begraben worden sein. In der Vernehmung von Engelbert Willerscheidt vom 21.08.1947 berichtete dieser: „Ich sah, wie im städtischen Steinbruch bei Neunheim eine größere Anzahl erschossener und erschlagener KZ-Häftlinge von anderen KZ-Häftlingen eingescharrt wurden. Die Aufsicht dabei hatte ein mir unbekannter, junger blonder Untersturmführer.“ 

 

 

 

 

Erinnerungstafel im Steinbruch vor Neunheim (©Foto: Haas)

Der Landwirt Alois Reeb (Schwarzenbauer, 1887-1969) berichtete über insgesamt 27 in Neunheim zusammengetragenen Toten: „Als sich der Transport noch in meinem Schafstall befand – es kann gegen 8 Uhr gewesen sein – kam ein Leiterwagen angefahren, auf dem KZ-Häftlinge aufeinander geschichtet lagen. Sie waren offenbar tot. Es befanden sich aber auch noch lebende Häftlinge auf dem Wagen. Ich schätze die Toten auf etwa zwölf und die Lebenden auf etwa sechs bis sieben Personen. Man lud sie hinter dem Schafstall ab. (…) Da man die inzwischen totgeschlagenen Häftlinge auf den Haufen dazu gelegt hatte, waren es etwa insgesamt 27 Häftlinge, die im Steinbruch vergraben werden sollten. Eine Anzahl von KZ-Häftlingen, die noch die Kraft hatten, die Erde auszuwerfen, legten die Häftlinge der Länge nach in das ausgeworfene Loch und vergruben sie dann. Da sich jedoch noch einige von ihnen bewegten, nehme ich an, dass man auf diese Weise auch einige von ihnen lebendig begraben hat.“ 

Vergeblich habe der Landwirt Josef Heilmann (Dürrbauer 1909-1964) beim Unterscharführer (Heinrich Wicker) dagegen protestiert, die Toten zum Steinbruch zu bringen, da man sie auf den Friedhof bringen wollte und bestimmt noch 2 oder 3 der Abtransportierten gelebt hätten. Der Unterscharführer bedrohte ihn daraufhin mit der Waffe.


Exhumierung der KZ-Häftlinge im Neunheimer Steinbruch

Exhumierung der KZ-Häftlinge des „Hessentaler Todesmarsches“ im Steinbruch vor Neunheim (©Foto: H.Knodel, Ellwangen)

Laut Vermerk des Landratsamts Aalen vom 10.03.1945 „wurden die toten KZ-Häftlinge am 12.06.1945 im Steinbruch auf Markung Neunheim tot aufgefunden. Sie waren etwa 89 Zentimeter tief vergraben und wurden in einem Sammelgrab auf dem Judenfriedhof in Ellwangen bestattet. Die Identität der Häftlinge konnte nicht mehr festgestellt werden.“