Zeitzeugen: Abba Naor und Richard Hartmann


ZEITZEUGEN

Überlebende des Dachauer Todesmarsches, 73 Jahre nach Kriegsende,  ausfindig zu machen, war nicht ganz einfach. Unsere langwierige Überzeugungsarbeit gegenüber dem Zeitzeugen Abba Naor, mit uns darüber zu sprechen, hat schließlich gefruchtet. 

Richard Hartmann, der Sohn des Komponisten Karl Amadeus Hartmann hat als 10jähriger in Starnberg-Kempfenhausen vom 27. auf den 28. April 1945 den Dachauer Todesmarsch erlebt.


Abba Naor (*1928)

 

Abba Naor am 09.03. 2018 in München (©Foto Haas).

Ende April 1945 wurden Tausende von Häftlingen auf die Todesmärsche geschickt.

Abba Naor (*1928) hat den Dachauer Todesmarsch erlebt und überlebt. Er ist einer der wenigen Zeitzeugen, die darüber noch berichten können. 

Abba Naor ist in Israel Vorsitzender der Organisation der ehemaligen Häftlinge der KZ-Außenlager Dachau.

Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes (seit 2009) und seit 27.06. 2018 Träger des Bayerischen Verdienstordens.

Das Gespräch führten Aaron und Raphael Haas am 03. März 2018 in München.

 

 


Richard Hartmann (*1935)

Richard Hartmann am 09.05. 2017 in München (©Foto Haas)

Mit Rücksicht auf Herrn Dr. Richard Hartmann veröffentlichen wir das Interview nur in schriftlicher Form.

Das Gespräch führten Raphael und Aaron Haas am 09. Mai 2017 in München. 

 

 

 

 

 

Raphael und Aaron Haas: Am Freitag, den 27. April 1945 schlurften abends Tausende von KZ-Häftlingen direkt an dem Haus Ihrer Großeltern, Lüderitzweg 39 in Kempfenhausen bei Starnberg in Richtung Süden vorbei.

Laut der Aufstellung des Schutzhaftlagerführers von Dachau traten am Abend zuvor, also Donnerstag, den 26. April 1945 im Konzentrationslager Dachau insgesamt 6887 russische, jüdische und sogenannte reichsdeutsche Gefangene diesen Todesmarsch an, begleitet von bewaffneten Wehrmachtsmännern mit deren Bluthunden.  Dieser „Todesmarsch“, der von den Betroffenen, den Augenzeugen, den Journalisten, den Historikern und den Politikern auch als „Evakuierungsmarsch“,  „Gewaltmarsch“,  „Elendsmarsch“ oder als „Häftlingsmarsch“ bezeichnet wurde, ging nachträglich in die Geschichte ein, als der Versuch des Naziregimes, 

-> entweder die arbeitsfähigen KZ-Häftlinge auf Befehl Hitlers als Arbeitssklaven in die Alpen zu bringen, wo Hitler bis Spätherbst 1945 den Festungsbau eines Großwindkanals „auf dem Gebiet des Schnellfluges“ plante,

-> oder die Spuren des Terrors in den KZ-Lagern vor dem Eintreffen der Amerikaner zu verwischen, indem man die noch lebenden Zeugen auf den Todesmarsch schickte und die Lager zerstörte

-> aber auch um die Todesmarschhäftlinge als Geiseln zu missbrauchen; als eventuelles Faustpfand gegenüber den einrückenden Amerikanern.

Sie, Herr Dr. Hartmann waren damals 1945 ein Kind im Alter von 10 Jahren. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Ereignis?

Großeltern und Eltern von Richard Hartmann vor dem Haus in Kempfenhausen, Nov. 1944 (Foto: privat).

Richard P. Hartmann: Ich bin am Freitagabend des 27. April 1945 an den schlurfenden Geräuschen und auch an der großen familiären stimmlich hörbaren Aufregung aufgewacht. Auch vernahm ich immer wieder vereinzelte Schüsse. Die schlurfenden Geräusche stammten von den Holzschuhen der Tausenden von Häftlingen, die unterhalb unserem Haus entlang der Ostufer Landstrasse in Richtung Gebirge vorbeischlurften. Als 10jähriger Junge hatte ich jedoch keinerlei Vorstellungen, was hier vor sich ging.

Wie Ihr richtig festgestellt habt, war ich 1945 zehn Jahre alt und lebte mit meinen Eltern und Großeltern in deren Einfamilienhaus in Kempfenhausen im Lüderitzsweg 39. Wegen den Bombenangriffen auf München waren wir von unserem Haus in der Willhelmstrasse in München nach Kempfenhausen zu den Großeltern gezogen. Dieses großelterliche Haus liegt auf einer Anhöhe, etwa 50 Meter oberhalb der Ostufer Landstrasse, die am Starnberger See entlang bis ins Alpen-Vorgebirge hineinführt.Von meinem Schlafzimmer aus konnte ich jene Ostufer Landstrasse nach beiden Seiten hin ein gutes Stück weit überblicken und genau dort schleppte sich eine schier endlose Kolonne von gespensterhaften Gestalten in gestreifter Häftlingskleidung Richtung Gebirge, flankiert von SS-Wachpersonal und deren bellenden Schäferhunden. Ich ging runter zu meine Eltern und Großeltern, die höchst besorgt und erregt miteinander sprachen.

 

Richard Hartmann mit seinem Vater K.A. Hartmann vor dem Haus in Kempfenhausen, 1943 (Foto privat).

Meine Mutter schlich vom Haus runter bis zur Ostufer Landstrasse (Ein Lattenzaun verlief damals an unserem Haus entlang 50 Meter runter bis zur Ostufer Landstrasse, wo die Häftlinge gelaufen sind), um heraus zu bekommen, was der Grund dieser Geräusche sein könnte. Zutiefst erschüttert und schockiert schilderten sie den Großeltern das Grauen, welches sie dort unten zu sehen bekamen. Ich war inzwischen wieder ins Bett gebracht worden und eingeschlafen. Die Geräusche der Gewehrschüsse weckten mich jedoch erneut um etwa 2 Uhr nachts.

 

 

 

 

„Dachauer Todesmarsch“ auf der Höhe `Percha´, Würmstrasse 7A, am 27. oder 28. April 1945 (Foto: Benno Gantner)

 Am Morgen des 28. Aprils 1945 (SAMSTAG), gegen 10 Uhr, läutete es. (Von der Ostufer Landstrasse,  50 Meter hoch gehend, befand sich direkt am Gartentorzaun zum Eingang zu unserem Haus eine Klingel). Ich stürzte wie üblich neugierig zur Haustür, riss sie auf  und erschrak an der gestreiften, dürren  Gestalt, die dort stand. Es war ein Häftling des Häftlingszuges. Er hatte riesige, weit aufgerissene, blicklose Augen; und sein baumelnder Kopf hing schief, da der schwache und ausgemärgelte Körper ihn nicht mehr gerade halten konnte. Seinen zitternden Lippen entglitten unartikulierbare Laute. Was ich nur verstehen konnte war: „Brot“, „Hunger“. Meine Familie gab ihm zu essen und er schloss sich dann wieder dem Häftlingszug an.

 

Dieses Ereignis veranlasst meinen Vater Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) daraufhin seine Klaviersonate „27. April 1945“ zu komponieren, wo er speziell im 3. Satz „Marcia funebre“ jene bedrückende Erlebnisse versuchte zu verarbeiten.