15.30 Uhr

Das Kind klammerte sich an die unbekannte Hand. Sie war warm und roch nach Erde. Der alte Mann schaute ab und zu nach unten, als würde er nachsehen wollen, ob das Kind an seiner Hand noch da sei. Er sah, dass die kleine Faust geballt war und irgendetwas Weißes daraus hervorragte, aber er sagte nichts.

Der Junge hörte das Murmeln der anderen Menschen, von denen er nur die Beine sah. Sie bewegten sich langsam. Fremde Hände strichen flüchtig über seinen Kopf, fremde Beine drängten ihn näher an den Mann oder versuchten ihn von der Hand, die ihn führte, fortzureißen. Doch der alte Mann hielt ihn unerbittlich fest.

Sie stiegen eine Treppe hinab. Er strauchelte und für einen Moment wurden seine Beine über die Kanten der schmutzigen Betontreppe geschleift. Seine Schienbeine brannten. Der alte Mann stellte ihn wieder auf die Beine, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. Sie hielten vor einer gelben, von Fingernägeln zerkratzten Bank an. Die Menschen um sie herum begannen sich auszuziehen.

„Zieh dich aus und leg deine Kleider hier hin.“ sagte der alte Mann und zeigte auf einen Haken. „Ich hänge sie für dich auf. Und merk die die Nummer Eins, eins, Sieben.“
„Eins, eins sieben“, wiederholte der Junge und blickte fragend auf. „Warum?“
„Weil wir jetzt duschen und nachher unsere Kleidung wiederfinden müssen“, sagte der Mann.
„Ich muss aber meine Mama und meinen Papa suchen“, sagte das Kind und versuchte sich durch die vielen Menschen zu zwängen.
Der Mann hielt das Kind jetzt wieder fest. Es begann zu schreien. Der Mann bemerkte die prüfenden Blicke der Uniformierten, die das Ausziehen überwachten.
„“Wir suchen sie später“, flüsterte er dem Jungen ins Ohr, „wenn du jetzt ganz leise bist.“

Der Junge fühlte den warmen Atem an seinem Ohr.
„Ich bin jetzt fünf“, sagte er.
Wieder wollte er sich durch die vielen nackten Beine drängen. Der Mann versuchte, sich mit einer Hand weiter auszuziehen, während er mit der anderen Hand das Kind festhielt.
„Du bist schmutzig“ , sagte er. „Mama und Papa werden ganz stolz auf dich sein, wenn du sauber bist. Mit fünf darf man doch nicht so schmutzig sein.“
Das schien das Kind zu überzeugen. Es öffnete die kleine Faust und hielt dem alten Mann ein längliches Stück Stoff hin, aus dem etwas Wolle ragte. Der Mann beugte sich für einen Moment herab und erkannte fünf aufgemalte Finger. Es schien sich um einen Arm einer Stoffpuppe zu handeln.
„Die haben Jakob kaputt gemacht“, sagte das Kind und schloss die kleine Faust wieder. „Jakob muss auch duschen.“
Der alte Mann antwortete nicht. Er half dem Kind, die Hose auszuziehen.
„Meine Esther würde sich zu Tode schämen, so nackt vor allen Menschen“, dachte er und zum ersten Mal war er erleichtert, dass seine Frau das nicht mehr erleben musste. Sie war im Zug gestorben. In seinen Armen. Er hatte bis zum letzten Atemzug bei ihr sein können. Dafür wollte er dankbar sein. Sie musste nicht mehr hungern und ihre schwärenden Wunden verursachten ihr keine Schmerzen mehr.
Was ich fühle, ist nur Selbstmitleid, schalt er sich selbst und nahm den nackten Jungen nun wieder an die Hand, dessen Faust immer noch den kleinen Puppenarm umklammerte.
Sie betraten einen gekachelten Raum mit Duschbrausen an den Wänden. Die Menschen die dicht an dicht standen, schienen zu aufgeregt, um sich ihrer Nacktheit zu schämen. Er betrachtete seine Mitmenschen nur flüchtig. Einige waren nicht beschnitten. Der Junge auch nicht. Er bemerkte es nur nebenbei.

Plötzlich wurde die Menge unruhig. Schreie wurden laut. Husten. Tränen. Der Mann umklammerte die kleine Faust noch fester. Er sah Menschen stürzen. In dieser Sekunde wusste er, dass es das Ende war. Er taumelte und sank zu Boden. Den Jungen zog er mit sich. Er presste das kleine Gesicht an seine Brust.

„Es wird alles gut“, flüsterte er.
Dann konzentrierte er sich, damit seine Seele sich von seinem Körper lösen konnte, um ein neues Kapitel zu beginnen. Ein Kapitel mit Esther. Und dem kleinen Jungen. In seinem letzten Moment bedauerte er, dass er das Kind, das jetzt ganz still an seiner Brust lag, nicht nach seinem Namen gefragt hatte.