15.12 Uhr

Die Frauen setzten sich in Bewegung. Anfangs versuchten sie noch die Frau, von der sie nur wussten, dass sie Rachel hieß, zu stützen, doch sie konnten sie in dem geforderten Tempo nicht lange tragen. Rachel nahm das alles nicht wahr. Sie dachte an ihren Sohn und lächelte. Gleich würde er ihr entgegenlaufen, mit seinen kleinen staksigen Schritten, den kleinen Jakob im Arm. Die Puppe, die sie in aller Heimlichkeit mitten in der Nacht aus zu klein gewordenen Unterhosen genäht hatte. Und dann würde sein Papa ihn hochheben und auf seine Schultern setzen, damit er in der Menschenmenge hier nicht verloren gehen konnte.
Sie würde sie beide nicht wiedersehen.
Er hatte gekämpft. Der kleine Mann hatte seine Puppe nicht hergeben wollen, den Uniformierten gegen das Schienbein getreten und einem in die Hand gebissen. Rachel versuchte, sich zu erinnern. Sie hatte ihn hochgehoben und an sich gedrückt. Sie hatte den Mann um Verzeihung angefleht, aber er hatte ihr das zappelnde und scheiende Kind aus den Armen gerissen und unter den Arm geklemmt, wie ein Paket. Ihre Erinnerung verlor sich. Ihr Mann hatte ihr noch einmal kurz in die Augen geblickt und sie hatten beide gewusst, dass es ein Abschied für immer war. Rachel wusste, dass sie ihre geliebten Menschen hier nicht wiedersehen würde. Sie konzentrierte sich und machte sich bereit, in eine andere Welt einzutreten. Eine schönere Welt.

Ein paar Schritte schleiften ihre Beine noch über den Boden, dann brachten große Hunde den Zug an Menschen durcheinander.

Die beiden Frauen ließen sie los und sie glitt zu Boden. Stiefelspitzen trafen ihre Rippen. Rachel spürte die Zähne des Hundes in ihrer Wade, aber den Schmerz spürte sie schon nicht mehr.

Für eine Sekunde roch sie den fauligen Atem eines weiteren Hundes, spürte den Hauch von Fell auf ihrer Haut, bevor sich scharfe Zähne in ihren Arm verbissen und sie aus dem Strom an Menschen zerrte. Das Schultergelenk knirschte. Der Hund reißt mir den Arm ab, dachte sie und in ihren Gedanken, die im Nebel zu verhallen schienen, sah sie die kleine Puppe, die sie für ihren Jungen genäht hatte. Er hatte die Puppe nicht loslassen wollen. Sie konnte das Geräusch hören, mit dem der Stoff riss. Aber vielleicht war es auch ihre eigene Kleidung, die dieses Geräusch verursachte.

Als der Hund von ihr abließ, spürte sie eine warme Flüssigkeit unter ihren Körper laufen. Sie hörte Stimmen, aber sie nahm die Worte nicht auf. Sie saß wieder vor dem kleinen runden Kuchen, den sie mit Hilfe einer alten Tasse in eine rundliche Form gepresst hatte, sah das Lächeln ihres Sohnes beim Anblick von Jakob, dem Unterhosenmann, und spürte die Wärme, die sich unter ihr ausbreitete.

„Braver Junge“, sagte der Unteroffizier und tätschelte seinem Schäferhund den Kopf, bevor er ihn wieder an die Leine nahm. Dann beschleunigte er seinen Schritt, um seine Position in dem langen Zug an Frauen wieder zu erreichen.