17.10 Uhr

„Die Schrecken des Krieges störten uns Knaben nicht, sie zogen uns an. Daß unsere Väter einberufen wurden, schien nur recht und billig. Und der ‚Heldentod‘ gehörte dazu. Viele der Lieder, die wir in der Schule und später in der Hitlerjugend lernten, handelten von der Ehre, fürs Vaterland zu sterben: Die Fahnen wehten ins Morgenrot und leuchteten zum frühen Tod, heilig Vaterland war in Gefahren, mochten wir sterben, Deutschland stürbe nicht, und fern bei Narvik lag ein kühles Grab.“
Quelle: Wikipedia – Karl-Heinz Janßen, zitiert nach Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich, Lizenzausgabe, München 1995, S. 137.

Der Zwölfjährige schaute zufrieden in den Spiegel. „Ich sehe schon fast wie 14 aus.“, dachte er und verlor sich einen Moment in den Gedanken an den frühen Nachmittag.
„Was sind wir? Pimpfe! Was wollen wir werden? Soldaten!“1. Die Worte hallten in seinem Kopf wieder. Er hatte sie laut herausgeschrien, bis er heiser gewesen war. Er hatte seinem Hordenführer dabei mit Inbrunst in die Augen geschaut, in der Hoffnung ihm angenehm aufzufallen. Er würde kein Pimpf bleiben. Er würde schon bald kommandieren. Als Hordenführer und dann Oberhordenführer, Jungenschaftsführer und sobald er groß genug war, würde er Jugend-Reichsführer werden. Und dann würden er es allen zeigen. Er würde als tapferer Soldat kämpfen und dann würde er Deutschland wie ein König regieren. Vorerst neben dem Führer. Ein Reich ohne Alte und Schwache, ohne Juden und Homos, ohne Zigeuner und ohne Menschen, die krank im Kopf waren. Und dafür würde man auf den Straßen stehen und ihm zujubeln. So wie er am Samstag auf der Straße gestanden und dem Führer zugejubelt hatte. Der Führer war schon alt. Es würde sein Platz werden.

Er zupfte sein Halstuch in die perfekte Position, straffte die Schultern und machte sich ein Stück größer. Er hatte die beste Pimpfenprobe abgeliefert. Einige waren schon an den 70 Metern in 15 Sekunden gescheitert, am Weitsprung oder am 25 Meter Schlagballwerfen. Diese Memmen waren sogar älter gewesen als er. Ulrich hatte sich beim Deutschlandlied verhaspelt und Volker war doch tatsächlich gar nichts zum Aufbau der Führerschaft des DJ Fähnleins eingefallen. Er hatte nur einen roten Kopf bekommen und zu heulen angefangen. Und auch zum Lebenslauf Hitlers hatte er kein Wort herausgebracht. Was für Schwächlinge!
Der Junge lächelte sich im Spiegel an. Er hatte alles akkurat aufgesagt und die Schwertworte der Hitlerjugend 2 über den Platz geschmettert. Es stand alles in seinem Leistungsbuch, für das er 30 Pfennige bezahlt hatte.

Das Klappen der Haustür unterbrach seine Gedanken. Der Junge seufzte. Sein Vater, der an einer Judenverladrampe arbeitete, war nach Hause gekommen.
Der Junge versteckte sein Leistungsbuch ganz hinten in der Sockenschublade. Beim Marschieren hatte ihm sein Hordenführer heute gesteckt, dass er mit seinem Vater vorsichtig sein solle. Er habe an der Rampe schon mehrfach Juden aufgeholfen und einem wahrscheinlich sogar heimlich seine Butterstulle zugesteckt. Das wisse er aus sicherer Quelle.

Der Junge häufte akkurat zusammengelegte Sockenpaare auf sein Leistugsbuch und schloss die Schublade.
Im Flur hörte er bereits seinen kleinen Bruder quäken. Der Junge grinste. Er hatte dem Fünfjährigen beigebracht, seinen Vater jeden Tag nach den Juden zu fragen. Sein Vater sollte wissen, dass er dafür sorgen würde, dass sein Bruder nicht so ein Weichling wie sein Vater werden würde.
Der vorwurfsvolle Blick seines Vaters prallte an ihm ab. Sein Blick wanderte zu der Uniformjacke, die nun säuberlich auf dem hölzernen Ständer hing. Wie immer hatte sein Vater einen Ärmel wie zufällig nach innen gedreht, damit das Abzeichen nicht zu sehen war. Der Junge lehnte sich an den Türrahmen und bedachte seinen Vater mit einem spöttischen Blick. Er machte sich ganz steif, falls sein Vater versuchen sollte, ihn zu umarmen.

1. Motto des Jungvolks nach Michael H. Kater: Hitler-Jugend, Darmstadt 2005, S. 30./Quelle:Wikipedia

2. (für Jungvolkjungen abgewandelt mit dem Wort „Jungvolkjungen“):

Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu.
Jungvolkjungen sind Kameraden.
Des Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk