17.19 Uhr

Der Offizier spürte die Wärme seiner Wohnung, bevor er sie betrat. Die Tür ächzte, als er sie öffnete und der Duft von Bratenfleisch bahnte sich einen Weg in seine Nase. Er atmete tief ein. Geschickt warf er seine Schirmmütze auf den Garderobenständer, der sich leicht zur Seite neigte. Er zog seine Uniformjacke aus, drehte einen Ärmel nach innen und hängte sie so, dass die Mütze verdeckt war.
Den lauten Schreien seines fünfjährigen Sohnes, der ihn offensichtlich bereits gehört hatte, folgten trippelnde Schritte und eine stürmische Umarmung. Er hob den blonden Jungen hoch und drückte ihn an sich. Der Duft von Kernseife strömte aus seinem verwuschelten Haar. Für einen Moment stand die Zeit still.

Seine Gedanken wanderten zurück zu einem anderen kleinen Jungen. Das gleiche lockige Haar. Nur eine andere Farbe. Er war heute kurz vor Feierabend bei der Arbeit an der Rampe von seinen Eltern getrennt worden. Das herzzerreißende Weinen hatte ihn irgendwie berührt. Was konnte ein Judenjunge dafür, dass er geboren worden war?

Sein Sohn begann zu zappeln.

Er hatte sofort an die Geister der Toten gedacht, die an der Wand in seiner Wohnung lauerten. Sie kamen nachts, wenn alle schliefen und er noch schlaflos durch die Wohnung schlurfte. Sie kamen, wenn er nachts blicklos vor dem Feuer saß, weil die letzten Monate ihm alles abverlangt hatten. Sie huschten über die Decken und Wände und schienen die Hände nach ihm auszustrecken. Und dann hatte er vorhin, ohne Nachzudenken, seine Hand nach dem auf dem Boden sitzenden Judenkind ausgestreckt, doch die Blicke seiner Kameraden hatten ihn innehalten lassen. Fragende Blicke. Missbilligende Blicke. Feindliche Blicke. Schnell hatte er dann auf einen älteren Mann gezeigt, der ebenfalls aussortiert worden war.
„Nimm das Kind an die Hand und kümmere dich um ihn. Er sitzt hier im Weg.“, hatte er den alten Mann angeherrscht, der nur stumm nickte und das fremde Kind an die Hand nahm. Er hatte eigentlich noch BITTE sagen wollen, aber die Anwesenheit seiner Kameraden, hatte ihm das Wort zurück in den Mund gestopft. Das Kind hatte sich an die fremde Hand geklammert.

Da erst hatten die Blicke seiner Kameraden ihn losgelassen.

Er stellte seinen zappelnden Sohn zurück auf den Boden und strich ihm liebevoll über das Haar.
„Hast du heute viele Juden totgemacht?“, riss das Kind ihn aus seinen Gedanken.
„Du sollst so etwas nicht sagen.“, tadelte sein Vater.
„Du darfst gar nicht sagen, dass ich so etwas nicht sagen darf!“, trumpfte der Junge auf und schaute seinen Bruder Zustimmung heischend an. Der Zwölfjährige lehnte am Türrahmen und schwieg, aber der Mann zuckte unter seinen Blicken zusammen. Sein Sohn trug noch die Uniform vom Nachmittag, obwohl es draußen schon dunkel war. Die Hitlerjugend endete meist um halb vier.
„Er hat sich verändert.“ , dachte der Mann und wunderte sich nicht, als sein Junge sich versteifte und seiner Umarmung auswich.