6:22, Mittwoch – In der Stille der Nacht

In der Gedenkstätte Birkenau kann man in Originaldokumenten von Häftlingen lesen. Sie schreiben von den Experimenten, die an Ihnen durchgeführt werden, von Schlägen und vom Tod.

Aber in vielen Zeilen schwingt Hoffnung, Vertrauen auf Gerechtigkeit und in der Stille der Nacht werden Gedanken an die Liebsten irgendwo da draußen ein Anker des Lebens. Ich stelle mir die Baracken vor, die heute nicht mehr zu sehen sind und die Menschen darin und frage mich, ob es hier damals wirklich jemals still war.

Und ich stelle mir die Täter vor, die ihre Nächte hier verbringen mussten. Welche Gedanken hatten sie? Oder waren sie gedankenlos? Furchtsam? Wütend? Hasserfüllt? Oder voll Mitleid? Was bewegt Täter dazu, Täter zu werden? Gehorsam? Überzeugung? Diensteifrigkeit? Angst vor Konsequenzen?

War es die gegenseitige Kontrolle, die sie dazu brachten, keine Menschlichkeit zu zeigen? Oder projizierten sie ihre eigene Situation, in der sie sich sicher nicht gerne befanden, auf die Häftlinge? Fragen über Fragen.

Keine Opfer ohne Täter. Ich frage mich, an welcher Stelle der Geschichtsbücher diese Menschlichkeit verloren gegangen ist. Ist es die gleiche Stelle, an der Menschen heute zu Täter werden und zum Beispiel ausländische Mitbürger bedrohen oder töten? Wann ist dieser Täter, der einst liebvoll auf seine Eltern vertraute, gedanklich abgebogen? Warum? Und wohin? Was bezweckt er damit? Und an welcher Stelle hätte man es noch verhindern können? Und wie? Im Kindergarten? In der Schule? Durch Aufklärung? Durch Liebe? An welcher Stelle überwindet der Mensch die Schwelle zur Unmenschlichkeit und ist bereit, andere Leben zu zerstören und zu beenden?

Wer forscht nach den Ursachen, die vielleicht helfen könnten unser multikulturelles Zusammenleben zu verbessern?