Rolle der Universitäten

Die Rolle der Münchner Universitäten und deren Studierenden muss differenziert betrachtet werden. Einerseits konnte die NSDAP in München später bedeutende Mitglieder aus diesen Kreisen rekrutieren (z.B. Himmler, Hess)(ZDF), andererseits erlaubt der Blick auf die Zustände in den Universitäten eine weitere Perspektive auf den Aufstieg des NS und wie die Parteien innerhalb des eigenen Mikrokosmos interagierten und auch Widerstand leisteten.

In gewisser Weise wird hier die Gesellschaft widergespiegelt. An den beiden Münchner Universitäten TUM und LMU wird versucht, die Entwicklung des NS aus der Perspektive der Vordenker, Forscher und Pioniere zu betrachten. Diese Ergebnisse wurden zwar von den jeweiligen Forschern der entsprechenden Universitäten publiziert, jedoch unter Einhaltung wissenschaftlicher Standards sollte man davon ausgehen, dass hier ein Maß an objektiver Neutralität gewahrt wurde.


TUM

In einer der Reden des TUM – Präsidenten Wolfgang A. Herrmann zum 150 jährigen Jubiläum der Bildungseinrichtung wird ebenfalls die Zeit zwischen 1933-1945 reflektiert. Hierbei gilt es festzustellen, dass unter den Studierenden der Deutsche Studierendenbund, in dem sich radikale Befürworter und Unterstützer der NSDAP befanden, stärkste Fraktion innerhalb der technischen Hochschule wurde. Der Druck auf die führenden, eher restriktiven Gremien der damaligen Hochschule wuchs nach der Machtergreifung. Infolgedessen wurden Professor für Maschinenbau C. Prinz und Professor für Bauingenieurwesen H. Spangenberg direkt und indirekt Opfer der Bewegung. (TUM)

Studierende unterstützten den Boykott jüdischer Geschäfte, warnten vor einer „Verjudung der Hochschulen“, kamen in SA-Uniform zu den Vorlesungen oder schwänzten jene für eine Teilnahme an NS-Veranstaltungen.  Am 10.5.1933 konnte die NSDAP auf die Unterstützung der studentischer Organisationen zählen. Der damalige Professor für Maschinenbau verstarb bald an Herzschwäche, aufgetreten nach der OP gegen Magengeschwüre. Es sei vorstellbar, dass ihm die Proteste rechter Studentengruppen gegen seine Vorlesungen nahe gingen und daher die Magengeschwüre herrührten. Herr Spangenberg hingegen beging Suizid nach Denunziation. (TUM)

Nach der Übernahme der Macht erfolgte auch auf Hochschulebene eine Gleichschaltung, neue Studiengänge mit völkisch-rassistischer Ausrichtung wurden geschaffen, andere Studienfachrichtungen nach den Vorstellungen der NSDAP umgestaltet. Das Beamtengesetz zur effektiven Ausgrenzung der Juden aus dem Berufsbeamtentum fand auch an der TH Anwendung, sodass einige jüdische Mitarbeiter entlassen wurden. (TUM)

In der Folge wurde ein Numerus Clausus, eine Zulassungsbeschränkung, speziell für Juden eingeführt und zudem verloren sie das Promotionsrecht, ehe sie gar nicht mehr zugelassen wurden. (TUM)

Viele politische Feinde und Menschen, die wegen ihrer Herkunft unerwünscht waren, verließen bald das Land und verloren damit auch ihre akademischen Grade. (TUM)

Schwierig erwies es sich für die Nationalsozialisten die Verwaltung und Entscheidungsfindung zu beeinflussen, die in den Ernennungen des Rektors stets Personen zu befürworten versuchte, die die eigenen Lehrkräfte schützte. Offiziell wurde diese Position jedoch nach politischen Kriterien bestimmt.(TUM2) Andererseits war bereits bis Mitte Mai 1933 fast jeder fünfte Hochschullehrer Mitglied der NSDAP. Manche aus Angst selbst ins Visier zu geraten, einige mit der Hoffnung ihre Forschung fortsetzen zu können, andere aus politischer Überzeugung. Die „Selbstmobilisierung“(TUM2) als grundlegende Motivation erwies sich als entscheidend für  wissenschaftliche Durchbrüche ganz im Sinne des NS (TUM2).

Insbesondere die Rüstungsforschung und Landwirtschaftsforschung profitierte durch die Machtübernahme der NSDAP, die dadurch in der Gunst des NS stand. Zum einen wurde hierzu wichtiges Kriegsgerät und biologische/chemische Waffen (z.B. Giftgas) entwickelt. Außerdem wurden Fachleute für die Besiedlung Osteuropas nach den Plänen Hitlers zum Lebensraum im Osten ausgebildet. Die starke Verflechtung von Wirtschaft, Militär und Wissenschaft an der Hochschule wurde letztlich durch den Ehrentitel „Kriegsmusterbetrieb“(TUM2) gewürdigt. (TUM)(TUM2)

Bei den Studierenden verflog die anfängliche Begeisterung nach der betrübenden Erkenntnis, dass  infolge des politischen Engagements auch politische Schulung und körperliche Ausbildung einherging. (TUM)

Mit Kriegsbeginn wurden Vorlesungen nur noch unregelmäßig gehalten, da es nur noch wenige Hörer gab und im weiteren Verlauf zunehmend die Infrastruktur durch die Alliierten zerstört wurde. Bei Kriegsende verzeichnete man eine Zerstörung, die in etwa 80 % der Hochschulgebäude umfasste. Nach dem Krieg wurde die Hochschule zunächst geschlossen. Der Entnazifizierungsprozess wurde auch hier durchgeführt. Vergleichsweise streng ging man hier bei der Auswahl der neuen Hochschullehrer vor. Denn weniger als die Hälfte der ursprünglichen Dozierenden wurden nach dem Krieg wieder ins Amt berufen. (TUM)

Es ist also eine vielschichtige Entwicklung während der NS-Zeit zu beobachten. Während anfangs der NS Studentenbund einigen Zulauf erhielt, die strukturellen Veränderungen hin zu einem NS-konformen Lehrplan führten und der Fokus der Forschung vielerorts in kriegsrelevanten Technologien lag, gab es zurückhaltendere Haltungen in den obersten Gremien, die sich nicht geschlossen für oder gegen das NS-Regime positionierten. Einerseits gab es Lehrstühle, die der Bewegung so nahe standen, dass sie z.B. bei der Gartenpflege im KZ Dachau unterstützten (TUM) und dabei Zwangsarbeiter einsetzten (TUM2), andererseits auch solche, welche gefährdete Studierende, DoktorandInnen o.ä. zu schützen versuchten. (TUM) Doch darf man nicht vernachlässigen, dass „[d]ie Technischen Hochschulen […] konstitutiver Teil des Systems [waren], dessen Ziele sie mit verfolgt haben“(TUM2).


LMU

Wie vielschichtig sich die Entwicklung zur Zeit des NS in der Stadt München selbst abspielte, zeigt sich auch am Beispiel der LMU.

In den von Historikern der Universität ermittelten Beiträgen über die Verflechtung der Universität mit dem Regime zeigen sich über die Extreme der parteikonformen Kooperation bis zum aktiven Widerstand von Seiten der Lehrenden und Studierenden.

Angefangen von dem NS – Studentenbund, der an der LMU im Vergleich zu anderen Orten – u.a. der Technischen Hochschule München  (heute TUM) – eher bescheidene Erfolge zu bezeichnen hatte, zeigt sich, dass eine „demokratische Tradition“(LMU) an der Universität gepflegt wurde. (LMU)

Sich gegen den NS zu positionieren und nicht den Zorn des Regimes auf sich zu ziehen, gelang nicht jedem. Insbesondere wurden die gegensätzlichen Gesinnungen bei den Dozierenden deutlich. Während beispielsweise der Leite des chemischen Instituts und Nobelpreisträger Prof. Heinrich Wieland seinen Einfluss nutzte, um gefährdete Studierende in seine „kriegswichtige“  (LMU) Forschungsvorhaben einzubinden, orientierte sich Prof. Müller an der rassischen Auslegung in der Physik, wobei Beiträge von jüdischen Kollegen nicht anerkannt wurden. (LMU)

Den Grad zwischen Unterstützung der Bewegung und der Wahrung wissenschaftlicher Standards versuchte Rektor Walther Wüst. Einerseits war er aktives SS-Mitglied, in der Abteilung SS-Ahnenerbe bei Himmler tätig und verlieh den kultisch-ideologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten mit der Abstammung vom Arier auf eine (pseudo-)wissenschaftliche Weise Geltung. Er unterließ auch in Teilen in besonders strikten Fällen jüdische Forschende jede wissenschaftliche Betätigung im In – und Ausland bis hin zum Ausreiseverbot.  Andererseits legte er bei der Einberufung neuer Professuren Wert auf objektiver Qualität. In Kriegszeiten setzte er sich aus Notwendigkeit für das Recht auf Studieren von Menschen mit jüdischem Hintergrund und für einen Verbleib von ProfessorInnen, welche sich nicht für das NS-Regime eingesetzt hatten, ein. (LMU)

Einen beachtlichen Wandel hatte auch der damalige Professor Kurt Huber vollzogen. Während er anfangs der nationalsozialistischen Bewegung nahestand und mit ihnen sympathisierte, wurden seine Vorlesungen zu Beginn der 1940er Jahre zunehmend kritischer. Höhepunkt der Entwicklung datierte seinen aktiven Widerstand gegen das NS-Regime durch seine Mitwirkung in der von der Weißen Rose verteilten Flugblatt Nr. 6, das zum großen Teil von ihm verfasst wurde. Daraufhin wurde u.a. sein Doktorgrad aberkannt, später wurde er hingerichtet. Erst nach Kriegsende erhielt er jene akademische Auszeichnung zurück, ironischerweise von dem Rektor, der damals an seiner Absetzung mitgewirkt hatte. (LMU)

Aus studentischer Perspektive lässt sich der aktive Widerstand an der Gruppe junger Studierender um die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf, mit späterer Unterstützung von Professor Kurt Huber nennen. Obwohl die Geschwister anfangs mit den NS sympathisierten und sich in ihrer Kindheit in der Hitlerjugend bzw. im Bund deutscher Mädel engagierten, verflog die Begeisterung, als Hans Scholl an die Front beordert wurde. Dort vernahm er die Schrecken des Krieges und von den Deportationen der Juden, die seinem Weltbild nicht entsprachen. Zurückgekommen nahmen die oben genannten Akteure ihr Studium an der LMU auf. Um ihren Missmut gegenüber dem NS auszudrücken und das Regime zu destabilisieren, verteilten sie in der Stadt im Namen der Weißen Rose Flugblätter. Sie gingen im Schutze der Anonymität sogar soweit, dass sie die bayerische Staatskanzlei mit der Aufschrift „Nieder mit Hitler“ versahen.  Das hatte jedoch mit dem 6. und letzten Flugblatt sein Ende gefunden, als sie auf frischer Tat erwischt wurden. Sie wurden von der Gestapo verhaftet und später verurteilt. Noch am Tag der Verurteilung wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Propst hingerichtet. (Marc von Lüpke)

Zusammenfassend stand die LMU nicht geschlossen für oder gegen die Bewegung. Es wurden Anstrengungen unternommen, sie den Zielen des Regimes anzupassen, jedoch gelang dies nicht in vollem Umfang.