Fazit

Immer wieder wird, auch durch die Umfrage, klar, dass das aktive Engagement der Bürger essentiell für die Aufrechterhaltung der Erinnerungskultur in ihrer jetzigen Form ist. So erfreuen sich die Stolpersteine, für die einzelne Menschen Patenschaften übernehmen, großer Beliebtheit und besitzen einen hohen Bekanntheitsgrad. Der 27.1. als Gedenktag, der vom Bundespräsidenten festgelegt wurde und zu dem kaum jemand einen persönlichen Bezug hat, ist jedoch wenig bekannt.

Daraus lässt sich erkennen, dass die Erinnerungskultur ohne das Engagement der Bürger Gefahr läuft, ihre Bedeutung zu verlieren und zu einem bedeutungsleeren Ritus zu werden, dessen Sinn sich niemand bewusst ist.

Es ist zudem sinnvoll, Möglichkeiten des Erinnerns zu schaffen, denen Menschen in ihrem Lebensalltag begegnen. So verschwindet das Bewusstsein für die Vergangenheit niemals komplett aus dem Gedächtnis und die andauernde Erinnerung ist effektiver, als sich auf z.B. nur einen Tag zu konzentrieren, der schnell wieder vergessen ist. Ein weiterer positiver Aspekt dieser Form des Erinnerns ist es, dass man sich durch die Integrierung des Gedenkens in das alltägliche Leben nicht anstrengen muss, um sich an die Vergangenheit zu erinnern und ihr, jeder auf seine eigene Art und Weise, zu gedenken.

Merkmal der Denkmale sollte außerdem sein, dass sie zum Engagement aufrufen, wie z.B. die Stolpersteine mit ihren Patenschaften oder die Aktion Yolocaust, die dazu führte, dass die Menschen sich intensiver mit dem Zweck des Berliner Holocaustdenkmals beschäftigten. Solche Aktionen und Denkmale führen dazu, dass die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit nicht irgendwann abgeschlossen wird und vergessen werden kann, sondern immer wieder eine offene Diskussion entsteht.

Wichtig ist außerdem, sich mit der Zukunftsperspektive der Erinnerungskultur zu befassen. Schon heute schwindet von Generation zu Generation der persönliche Bezug durch z.B. Verwandte, aber auch eigene Erfahrungen. Zukünftig wird es diesen Bezug gar nicht mehr geben und es wird Aufgabe der Erinnerungskultur sein, Möglichkeiten zu finden, die Menschen zu erreichen.

Ein weiteres zukünftiges Problem der deutschen Erinnerungskultur könnte sein, dass immer mehr Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen nach Deutschland auswandern oder flüchten oder schon seit längerem in Deutschland leben. Wie lassen sich Menschen ohne direkten familiären oder kulturellen Bezug in die heutige deutsche Erinnerungskultur integrieren? Diese Menschen kommen mit ihren eigenen Erlebnissen und vielleicht auch Vorurteilen und es ist wichtig, ihnen zu vermitteln, welche Werte unsere Demokratie prägen. Hier wäre auch ein Ansatz für weitere Untersuchungen zu sehen und bei einer Umfrage wäre es sinnvoll, den Migrationshintergrund mit einzubeziehen. Dazu fehlte es bei meiner Umfrage an einem heterogeneren Personenkreis. Interessant wäre hier zu untersuchen, wie Personen mit Migrationshintergrund die regionale Erinnerungskultur wahrnehmen und ob sie sich ausreichend einbezogen fühlen.

Es ist zu beachten, dass es sich bei der Erinnerungskultur nicht nur um die besondere Verantwortung der Deutschen gegenüber den Juden aufgrund des Holocausts handelt. Es geht auch um die Lehren, die man aus einem so geschichtsprägenden Ereignis wie dem Holocaust und aus den Erfahrungen, die unter dem menschenverachtenden nationalsozialistischem Regime gemacht wurden, ziehen kann. Die Ethik und die Moral, die sich aus diesem schrecklichen Ereignis ergibt, sind allgemein gültig und nicht auf die deutsche Kultur oder Deutschland beschränkt. Vielmehr sind sie von generationsübergreifendem, internationalem Charakter und beeinflussen und prägen unser heutiges Demokratieverständnis.

Die zukünftige Erinnerungskultur trägt die schwierige Aufgabe, Vergangenheit und Zukunft zu verbinden und zu vermitteln, wieso es so wichtig ist, sich an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes zu erinnern. Wichtig ist hierbei nicht auf Schuldempfinden zu setzen, sondern sich auf den Bezug auf unsere heutige Gesellschaft zu konzentrieren.

Gerade in Zeiten, in denen rechte Meinungen wie die der AfD wieder mehr  Zuspruch finden, muss die Erinnerungskultur Toleranz gegenüber Minoritäten aller Art und Offenheit gegenüber dem Fremden vermitteln. Sie muss anhand der absoluten Inhumanität und Grausamkeit des Nationalsozialismus darlegen, warum diese Werte und unsere aufgeklärte demokratische Gesellschaft schützenswert sind.

Für Warendorf ist es in Zukunft wichtig, dass junge Menschen noch intensiver in die Erinnerungskultur mit einbezogen werden, um einen Abbruch der immer noch sehr aktiven Erinnerungskultur durch einen Generationswechsel nicht zuzulassen. Es ist wichtig, dass speziell Jugendliche zu einem offenen, stetig aktiven Dialog über den Prozess und die Art des Erinnerns eingebunden werden. Es wäre zum Beispiel sinnvoll, zusätzlich zum jetzigen Gedenken am Volkstrauertag oder am 27.1. eine Möglichkeit zu finden, wie Jugendliche sich hier engagieren können, indem sie sich z.B. auf künstlerische Weise mit dem Thema auseinandersetzen und einen Wettbewerb für die erarbeiteten Beiträge veranstalten.

Am Beispiel der Beschreibung der Erinnerungskultur von Warendorf wird deutlich, wie sich Erinnerungskultur immer wieder wandelt und sich veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen anpasst. Diese Anpassung ist notwendig, damit Erinnerungskultur die Menschen erreicht. Für die Zukunft ist es hier wichtig, dieses nicht auf ein Erinnern zu beschränken, sondern ein kritisches Hinterfragen zuzulassen. Was passiert ist, ist erforscht, aber richtungsweisend für die Zukunft ist es, zu hinterfragen, wie es passiert ist, welche Faktoren die Geschehnisse möglich gemacht haben.

Mir persönlich ist es wichtig, dass ich (und auch die Generationen nach mir) weiterhin in einer größtenteils toleranten Gesellschaft aufwachsen kann, die das Ausleben verschiedener Kulturen und Religionen neben- und miteinander akzeptiert und in der wir von den Erfahrungen anderer profitieren können, indem wir voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern. Deswegen wünsche ich mir als Jugendliche, dass meine Generation mehr Möglichkeiten wahrnehmen kann, aktiv die Zukunft der Erinnerungskultur zu formen und sie so fortzuführen.

Es ist wichtig, dass das Bewusstsein für die nationalsozialistische Vergangenheit nicht von Generation zu Generation schwindet. Wenn wir es schaffen, eine eindeutige Verbindung zwischen der Vergangenheit und ihren heutigen Einfluss auf unsere Lebensrealität für jeden deutlich darzustellen, verringern wir auch politische Radikalisierung, Intoleranz, Rassismus und die hierdurch motivierte Gewalt.