Gedenken an Paul Spiegel

Der am 31. Dezember 1937 in Warendorf geborene Paul Spiegel war weit über die Grenzen seiner Heimatstadt bekannt als Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, zu dem er am 9. Januar 2000 gewählt wurde. Er engagierte sich auf vielfältige Weise für das jüdische Leben in Deutschland. Sein Engagement gipfelte in der oben genannten Wahl (vgl.: Heimatverein Warendorf).

1939 holte der nach Brüssel geflüchtete Vater Hugo Spiegel seine Familie nach Belgien. Bei der Besetzung Belgiens wurde die Familie auseinandergerissen. Außer der Schwester Rosa, die in Auschwitz im November 1942 vergast worden war, überlebte die Familie, Vater Hugo überlebte das Konzentrationslager in Dachau, Mutter Ruth  in Brüssel und Paul auf einem Bauerndorf versteckt. Die Familie kehrte 1945 nach Warendorf zurück. Paul Spiegel besuchte in Warendorf das Gymnasium und ging 1958 nach Düsseldorf, um Journalist zu werden.

Paul Spiegel hatte immer eine besondere Verbundenheit zu seiner Heimatstadt, seine Eltern sind auf dem Neuen Jüdischen Friedhof begraben. Er forderte in Warendorf auch eine Entwicklung in der Erinnerungskultur ein. Sein Demokratieverständnis forderte es von ihm, sich für alle Minderheiten einzusetzen, nicht nur für jüdische Belange.

Am 5. September 2001 verlieh die Stadt Warendorf ihm die Ehrenbürgerrechte, die höchste Ehrung, die die Stadt einem Bürger antragen kann. Diese Auszeichnung ist „als Zeichen für die solidarische Unterstützung seines Engagements zu verstehen“ (Die Glocke 30.12.2017).

Der Heimatverein in Warendorf ehrte Paul Spiegel am 25. April 2004  mit der Wilhelm-Zuhorn-Plakette. Diese Plakette ist benannt nach dem Amtsrichter und Geheimen Justizrat Wilhelm Zuhorn, der sich in Warendorf durch sein vielfältiges Engagement hervortat. Sie wird seit der Stiftung 1977 an Menschen verliehen, die sich in besonderer Weise mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben und so auf kultureller Ebene besondere Verdienste erlangt haben (vgl.: Paul Leidinger 2002, S. 94)..

Am 31.12. 2017, der Tag, der Paul Spiegel 80 Jahre alt geworden wäre, gedachte die Stadt Warendorf in einer Gedenkfeier auf dem Jüdischen Friedhof in Anwesenheit seiner Frau seinem Ehrenbürger.

Auch Vertreter des Schützenvereins „Hinter den drei Brücken“ e.V. Warendorf nahmen an der Gedenkfeier teil, um ihres ehemaligen Mitgliedes zu gedenken, denn Vater Hugo Spiegel war 1962 sogar Schützenkönig, Sohn Paul im selben Verein Ehrengardist. Hier sieht man, dass die Familie Spiegel Warendorf trotz allem, was sie hier erleben musste, als ihre Heimat angesehen hat. Immerhin waren es Warendorfer Bürger, die in der Pogromnacht am 9. November 1938 auch Hugo Spiegel nicht verschonten(vgl.: Ester 2000, S. 673).

Dass die Erinnerungskultur Fortschritte macht, wird auch an diesem Gedenken deutlich, denn man legte nicht nur am Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof einen Kranz nieder, sondern auch in der Innenstadt an der Gedenkstele auf der Freckenhorster Straße, also deutlich sichtbar für alle Besucher der Innenstadt (vgl.: Die Glocke 30.12.2017, 2.1.2018). Trotzdem ist es durchaus befremdlich, dass Vertreter der Parteien nicht anwesend waren und die Bürgerbeteiligung eher gering war.

Auch im Rahmen des Neujahrsempfangs 2018 wurde  an Paul Spiegel gedacht.

Sichtbare Zeichen des Gedenkens an die Familie Spiegel ist auch die Benennung der Straße zum Neuen Jüdischen Friedhofes in „Hugo-Spiegel-Straße“.

Weiterhin ist das Berufskolleg in Warendorf nach Paul Spiegel benannt. Die Schule sieht hierin auch eine besondere Verpflichtung und bemerkt dies auch in einem entsprechenden Text auf der Startseite ihrer Homepage.

„Die mit dem Namen „Paul Spiegel“ verbundenen Werte wie Weltoffenheit, Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Integration gehören zum wesentlichen Bestandteil unseres Schulprogramms (PDF). Die Vielfalt am PSBK in Herkunft, Religion und Kultur begreifen wir als Geschenk und wertvolle Bereicherung.“ (http://www.paul-spiegel-berufskolleg.eu/, 6.3.2018)

Eine so bekannte Persönlichkeit macht eine entsprechende Ehrung und Erinnerung natürlich leicht. Sie lässt vielleicht andere Warendorfer Juden in den Hintergrund treten. Aber durch das Engagement von Paul Spiegel ist in Warendorf auch viel bewegt worden. Er war hartnäckig und forderte vieles ein.