Gedenkstein auf dem Neuen Jüdischen Friedhof

1970, also 25 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, tat man in der Erinnerungskultur in Warendorf einen nächsten Schritt. Man errichtete einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof. Dieser wurde am 15. November vom damaligen Bürgermeister Dr. Hans Kluck und dem damaligen Stadtdirektor Hellmuth Schmeichel im Beisein von Paul Spiegel als Redakteur für den Zentralrat der Juden in Deutschland und seines Vaters, dem Warendorfer Hugo Spiegel enthüllt (vgl.: Die Glocke, 14.11.2014).

Auf den ersten Blick erscheint dieser offizielle Akt als eine gelungene Aktion gegen Antisemitismus und für eine Erinnerungsstätte vor Ort. Auf den zweiten Blick muss man jedoch entdecken, wie wenig feinfühlig man zu diesem Zeitpunkt, unbeabsichtigt sicher, aber eben typisch für diese Zeit, mit den Gefühlen der Opfer umging und wie wenig reflektiert die Art des Gedenkens in der Politik, und somit natürlich auch in der Öffentlichkeit, war. Den ungefähr zwei Meter hohen, einfach gehaltenen  Quaderstein ziert zunächst der Davidsstern. Darunter ist in hebräischer Schrift ein Bibeltext aus dem Alten Testament zu lesen.

Es ist der erste Satz des 16. Verses aus dem 1. Klagelied:

„Darum weine ich so, und meine beiden Augen fließen mit Wasser, dass der Tröster, der meine Seele sollte erquicken, fern von mir ist.“

Es folgt der deutsche Text:

„Zum Gedenken unserer jüdischen Mitbürger, die hier ihre Ruhestätte fanden, und derer, die in den Jahren 1933 -1945 umgekommen sind.“

Und hier lässt sich der damalige Zeitgeist erkennen: Man fühlt sich verpflichtet zu gedenken, aber man kann das Geschehen noch nicht beim Namen nennen. Die Formulierung „umgekommen“ beschönigt und verschleiert den Umstand, dass diese Menschen ermordet worden sind. Sie sind nicht irgendwie umgekommen, es war kein Unglücksfall, kein Schicksalsschlag, kein Sturm, der ihnen den Tod brachte, sondern sie wurden kaltblütig umgebracht, weil sie Juden waren. Auch die Zeit benennt man nicht konkret, man nennt einfache Jahreszahlen, wie man sie auf einem Grabstein finden würde, keine Rede vom Nationalsozialismus oder dem Zweiten Weltkrieg, wobei man hier vielleicht davon ausgegangen ist, dass man diese Jahreszahlen als Bürger nicht anders verknüpfen kann und sie allgemein bekannt sind. Die ganze Inschrift impliziert auf jeden Fall kein Täter-Opfer-Geschehen. Die Juden werden nicht als Opfer benannt und die Täter verschweigt man mit der Inschrift komplett (vgl.: Ester 1999, S. 184ff). Dies zeigt deutlich, es ist erst der Beginn einer Auseinandersetzung, mehr eben noch nicht. In einem Aufruf zum Volkstrauertag am 14.11.1970 ist die Formulierung deutlicher. Hier sind „[…]unsere jüdischen Mitbürger[…]unter dem NS-Regime der Unmenschlichkeit zum Opfer gefallen[…].“ (Neuer Emsbote 1999, S. 188)

Trotzdem lässt auch dieser Aufruf die Feinfühligkeit vermissen, denn er vermischt die Opfergruppen, denen traditionell das Gedenken am Volkstrauertag gilt, mit den jüdischen Opfern. Dass das Gedenken für die Opfer der beiden Weltkriege auf einem jüdischen Friedhof stattfindet, macht für mich aus heutiger Sicht einen befremdlichen Eindruck, denn hier gedachte man ja auch der toten Soldaten unter Beteiligung der Bundeswehr. Man gedenkt der gefallenen Soldaten in einem Atemzug mit den Opfern des Holocaust, als wenn hier kaum ein Unterschied wäre.