Klärung der Begrifflichkeiten

Wenn man sich mit dem Thema Erinnerungskultur auseinandersetzt, stößt man zuerst auf manche neue Begriffe und sehr viele unterschiedliche Erklärungen. Genau bei diesen abweichenden Definitionen ergeben sich erste Probleme.

Zum Beispiel stößt man immer wieder auf den Begriff „kollektives Gedächtnis“, was zu Verwirrung führen kann. Das Gedächtnis ist normalerweise eine Ansammlung persönlicher Erinnerungen, jeder Mensch hat genau ein individuelles Gedächtnis. Der Begriff „kollektives Gedächtnis“ beruht auf der Theorie, dass eine Gruppe auch gemeinsame Erinnerungen haben kann, die unabhängig vom persönlichen, individuellen Gedächtnis sind. Dabei ist allerdings nicht davon auszugehen, dass Kollektive wie z.B. ein Staat oder die Gesellschaft ein Gedächtnis haben, sondern dass sie es erschaffen (vgl.: Assmann 2008).

Durch dieses kollektive Gedächtnis wird unabhängig von persönlichen Erinnerungen festgelegt, woran und wie sich erinnert wird. Das kollektive Gedächtnis ist also das Ergebnis der Zusammentragung und „Filterung“ der zahlreichen individuellen Gedächtnisse und dieser gesellschaftliche Prozess macht Erinnerungskultur erst möglich. Gemeinsam wird ein Rahmen vorgegeben, in dem sich erinnert wird. So kann sich eine Gruppe die Vergangenheit aneignen. Alle Gesellschafts- und Bildungsschichten sollen möglichst angesprochen werden, damit jeder die Vergangenheit als Thema für sich entdecken kann (vgl.: Assmann 2016, S. 16ff).

Gleichzeitig ist Erinnerungskultur aber auch fest verbunden mit Ethik. So schreibt Volkhard Knigge zum Beispiel, es ginge um

„die kritische Auseinandersetzung mit Staats- und Gesellschaftsverbrechen – gerade aus der Sicht der Opfer.“(Knigge 2010, S. 10)

Erinnerungskultur muss aber nicht zwingend positiv sein, sondern kann auch negativ beeinflussen.

„Die monumentale Erinnerung zum Beispiel kann auf großen Vorbildern aus der Geschichte aufbauen, die zum Nacheifern anspornen, sie kann aber auch schaden, wenn diese Bilder manipuliert werden, um zum Fanatismus zu mobilisieren.“ (Assmann 2016, S. 32)

Unter dem Begriff der Erinnerungskultur werden also verschiedene Dimensionen zusammengefasst, wobei im Zusammenhang mit der Erneuerung der Erinnerungskultur der ethischen Dimension die größte Bedeutung zukommt. Man erinnert sich, um daraus Maßstäbe und Werte für die Zukunft abzuleiten.

Erinnerungskultur als Begriff sollte nicht ausschließen, dass sich jeder individuell erinnert und seine eigene Sichtweise auf die Geschichte haben und entwickeln darf. Sie soll Erinnerung möglich machen, geschichtliches Wissen und Wertmaßstäbe darstellen und vermitteln und zur kritischen Auseinandersetzung anregen (vgl.: ebd.).

Verdrängung der Geschichte in der Zeit nach dem Krieg und auch Verleugnung der Tatsachen durch bestimmte Personenkreise beeinflusst die Erinnerungskultur in Deutschland bis heute.