AUF DER ANDEREN SEITE

AUF DER ANDEREN SEITE unserer Schule befindet sich ein Platz.

Dieser Platz wurde 1950 nach Ludwig Aschoff benannt, einem der einflussreichsten deutschen Pathologen. Aschoff wurde 78 Jahre alt und durch seine Arbeit weit über die Grenzen unseres Landes bekannt. Die nationalsozialistische Machtübernahme begrüßte er im Sinne seiner Forschungen als nationale Bewegung eines auf Reinheit und Sachlichkeit ausgerichteten wirklichen Deutschtums.

AUF DER ANDEREN SEITE der Geschichte stand ein Jugendlicher, Heinrich Rosenberg, Schüler unserer Schule.

Er wurde 1923 geboren. Im Verlauf seiner Jugend wurde er systematisch ausgegrenzt, weil er Jude war. 1938 wurde ihm der Besuch unserer Schule untersagt, weil er Jude war. 1942 endet seine Biographie in Auschwitz, dort wird er ermordet; weil er Jude war. Er wurde nur 19 Jahre alt.

AUF DER ANDEREN SEITE erzählt die Geschichte des Platzes vor dem städtischen Friedrich-Gymnasium in Freiburg im Breisgau, eines Schülers und einer Schulgemeinschaft, die darum gerungen hat, dass an diesen unseren Mitschüler,
Heinrich Rosenberg, erinnert wird.

Am 3. März 2020 beschloss der Gemeinderat der Stadt Freiburg im Breisgau mit großer Mehrheit, aber nach einer kontroversen Sitzung und einer in der lokalen Presse vorausgegangenen, heftig ausgetragenen Debatte, den Platz AUF DER ANDEREN SEITE in Heinrich-Rosenberg-Platz umzubenennen, – über 80 Jahre nach Heinrichs Ermordung.
Der Freiburger Ludwig-Aschoff-Platz, heute Heinrich-Rosenberg-Platz, bevölkert von FG-Schülern im Jahr 1976

AUF DER ANDEREN SEITE zu stehen, kann Exklusion bedeuten. Kann Stigma bedeuten. Repression. Verfolgung. Vernichtung. Aber auch Konsensverweigerung. Auflehnung. Rebellion. Widerstand.

In jeder Zeit gibt es unterschiedliche Moral- und Rechtsvorstellungen, auf denen gesellschaftliche und individuelle Entscheidungen stets basieren. Heutzutage leben wir in einer Gesellschaft und in einem Staat, in dem Rassismus und Antisemitismus verachtet werden. Doch diese Werte wurden nicht immer geteilt. 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht und konnten so ihre Wertevorstellungen etablieren. In dieser Zeit machten es sich in Deutschland viele Bürger zur Aufgabe, diese völkisch–rassistischen Ideen der nationalsozialistischen Weltanschauung zu verbreiten. Nun, im 21. Jahrhundert, werden diese Menschen nicht mehr verehrt und befinden sich dennoch auf manchen Straßenschildern Freiburgs. Ein Beispiel hierfür ist der Ludwig-Aschoff-Platz gegenüber des Friedrich-Gymnasiums Freiburg.
„Wie lässt sich das Denken und Handeln von Menschen bewerten, die in einer anderen Zeit gelebt haben? Und welche Maßstäbe sollte eine Stadtgesellschaft anlegen, um einen Menschen durch die Benennung einer Straße zu ehren und ihn damit auch zum Vorbild zu machen?“ Diesen Fragen widmete sich die Freiburger Historikerkommission unter Leitung von Professor Bernd Martin, welche 2012 vom Gemeinderat ins Leben gerufen wurde. Vier Jahre lang überprüften die acht Historiker die 1300 Straßennamen Freiburgs mit dem Ziel, der historischen Verantwortung gerecht zu werden. Sie kamen zu dem Schluss, zwölf Straßennamen seien schwer belastet und müssten geändert werden.

Abiturienten des Friedrich-Gymnasiums feiern nach den gemeinsam bestrittenen Prüfungen auf dem Platz vor unserer Schule

AUF DER ANDEREN SEITE unserer Schule…

Der Ludwig-Aschoff-Platz befindet sich gegenüber des Friedrich-Gymnasiums in Herdern und ist mit einer in der Mitte stehenden bronzenen Statue, der „Flora“, versehen. Er wird von den Schülern des Friedrich-Gymnasiums „Aschoff-Platz“ genannt und dient als beliebter Aufenthaltsort in Pausen und unterrichtsfreien Zeiten. Zudem nutzen ihn viele Eltern mit ihren Kindern als Spielplatz bei gutem Wetter. Der „Aschoff-Platz“ wird von den Schülern als zur Schule zugehörig empfunden und sowohl bei Abiturientenfeiern als auch nach Schulveranstaltungen lebhaft genutzt.

Das Friedrich-Gymnasium Freiburg am Heinrich-Rosenberg-Platz 2020

AUF DER ANDEREN SEITE geht es darum, wie und an wen wir erinnern wollen.

Als Schülerin unserer Schule konnte ich die Initiative des Friedrich-Gymnasiums Freiburg zur Umbenennung des Ludwig-Aschoff-Platzes in Heinrich-Rosenberg-Platz hautnah mitverfolgen und habe in diesem Schuljahr Teile dieses langjährigen Prozesses mit der Kamera festgehalten.
Die Umbenennung des Ludwig-Aschoff-Platzes ist zu einer politisch-geschichtlichen Debatte geworden, die in den ersten Monaten 2020 hitzig in der Badischen Zeitung ausgetragen wurde. Sowohl Befürworter als auch entschiedene Gegner brachten ihre Meinungen zum Ausdruck. Das Ziel dieser Arbeit ist es, dokumentierend von den Ereignissen zu berichten, die Persönlichkeiten Ludwig Aschoff und Heinrich Rosenberg darzustellen und anhand dieses lokalhistorischen Beispiels herauszufinden, wie heutzutage mit Gedenkkultur umgegangen wird.