PROLOG

Die Geschichts- und Dokumentarfilmwerkstatt am humanistischen Friedrich-Gymnasium Freiburg hat sich vor einigen Jahren aufgemacht, Geschichte zum eigenen Erkunden als Seminarkursangebot fest im Oberstufenangebot des Gymnasiums zu etablieren. Ein Filmprojekt war im Schuljahr 2012/2013 der Spurensuche nach dem ehemaligen FG-Schüler Heinrich Rosenberg gewidmet, der zusammen mit seiner Mutter Ilse am 22.10.1940 von Nazi-Schergen in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert und später (11.9.1942) in Auschwitz ermordet wurde (Ilse Rosenberg war gerade 50 Jahre alt, Heinrich noch nicht einmal 19 Jahre). Der Dokumentarfilm von Elena Muggenthaler wurde 2015 auch beim Denkt@g in Berlin vorgestellt und geehrt. Einige Jahre später nun wurde der bisher nach dem Freiburger Pathologen benannte Ludwig-Aschoff-Platz von der Stadt Freiburg am 3.3.2020 in Heinrich-Rosenberg-Platz umbenannt; in einem neuerlichen Seminarkurs hat die Schülerin Sarah Kohlhase die Kontroverse um das von Schüler*innen und die Schulgemeinschaft angestrebte Umbenennungsprojekt dokumentiert.

Ludwig Aschoff stand der NS-Ideologie nahe. Die Anlage des Geschichtsseminarkurses am Friedrich.Gymnasium nimmt zwei wesentliche Erkenntnisse der aktuellen wissenschaftlichen Didaktik-Diskussion auf. Zum einen sind Schüler*innen Subjekte ihrer eigenen Lernprozesse und zum anderen werden die Schüler*innen im Unterricht und in der Projektarbeit mit dem Modus des sog. Erinnerungslernens vertraut gemacht (vgl. Boschki 2015; Schwendemann & Boschki 2009). Die unterrichtliche und schulpädagogische Orientierung am lernenden Subjekt ist Grundlage bildungswissenschaftlicher Forschungs- und auch Erkenntnislage (vgl. Boschki 2017); konturiert wird der Begriff in „Dialogizität, Intersubjektivität und Beziehungsorientierung“ (Boschki 2017). Bildungswissenschaftliches Ziel ist die Befähigung zur Mündigkeit und Autonomie des Subjekts, das selbstständig lernt (vgl. Benner & Brüggen 2010). In Bezug auf die NS-Verbrechen gegen die Menschlichkeit stehen jedoch die Autonomie und die Mündigkeit des Subjekts (vgl. Adorno 1971) immer wieder in der Dialektik der Aufklärung (vgl. Adorno 1971; Bauman 2005) und machen so auf die Verletzlichkeit, Fragmentarität und die Möglichkeit des Scheiterns aufmerksam (vgl. Boschki 2017). Die grundsätzliche Ambivalenz menschlicher Existenz zeigt sich in der „Dialektik, in Ohnmacht und Macht, in der Fähigkeit zum Bösen bis zur Vernichtung anderen Lebens“ (Boschki 2017), wie es in der Lebensgeschichte von Ilse und Heinrich Rosenberg deutlich geworden ist. Judith Butler (2001) hat darauf aufmerksam gemacht, dass die grundsätzliche Ambivalenz des Subjekts eine idealisierende Sicht auf ein „souveränes Subjekt“ verbietet. Historische Identitätsarbeit (vgl. Keupp 2011) von Lernenden in der Schule muss sich dieser Ambivalenz stellen, sie klären und produktiv damit umgehen lernen, weil die Ambivalenz und Dialektik zu den Konstitutionsleistungen  und-bedingungen des Subjekts in der Postmoderne dazugehören. Das, was die „Theorie intersubjektiv reflektierter Lernprozesse“ (Peukert 2015) formuliert hat, ist in dem Seminarkursprogramm, in dem Sarahs Dokumentation zur Heinrich-Rosenberg-Initiative entstanden ist, exemplarisch in hervorragender Weise gelungen. Der Begriff,  und damit der pädagogische Modus,  „Erinnerungslernen“ ist in die pädagogische und bildungswissenschaftliche Diskussion von Boschki (2015) und Schwendemann & Boschki (2009) für den  Umgang mit NS-Verbrechen und die Shoah eingeführt worden, d.h. es geht um die Ermordung vor allem jüdischer Menschen, aber auch anderer gesellschaftlicher Minderheiten im Nationalsozialismus. Boschki formuliert treffend: „Der Lernprozess zielt jedoch immer auch auf eine Aktualisierung, eine Verbindung mit der Gegenwart. Lernende sollen angesichts der vergangenen Ereignisse für gegenwärtige Prozesse in Gesellschaft und Welt sensibilisiert werden, um analoge Mechanismen der Demütigung, Ausgrenzung, des Hasses und der Gewalt zwischen Volksgruppen verstehen, kritisch bewerten und im Idealfall bekämpfen zu können.“ (Boschki 2015) Auch diese Intention ist vorbildhaft mit der Umbenennung des Aschoff-Platzes in Heinrich-Rosenberg-Platz gelungen und kann als Leuchtturmprojekt andere Schulen zur Nachahmung und zum Aufbau eigener Geschichtswerkstätten motivieren.

Wilhelm Schwendemann


Literatur:

Adorno, Theodor W. (1971): Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt a.M.

Bauman, Zygmunt (2005): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg.

Benner, Dietrich; Brüggen, Friedhelm (2010): Mündigkeit, in: Benner Dietrich; Oelkers, Jürgen [Hg.] (2010): Historisches Wörterbuch der Pädagogik, S. 687-699.

Boschki, Reinhold (2017): Art. Subjekt, in: www. WiReLex.de

Boschki, Reinhold (2015): Art. Erinnerung/Erinnerungslernen, in: www.WiReLex.de

Butler, Judith (2001): Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt a.M.

Keupp, Heiner (2011): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg.

Peukert, Helmut (2015): Bildung in gesellschaftlicher Transformation, Paderborn.

Schwendemann, Wilhelm; Boschki, Reinhold [Hg.] (2009): Vier Generationen nach Auschwitz. Wie ist Erinnerungslernen heute noch möglich? Münster.