KONTROVERSE

Die Arbeit der Freiburger Historikerkommission

Aufgrund mehrerer Anfragen, Beschwerden und lokalen Aktionen zu einzelnen Straßennamen seitens der Freiburger Bevölkerung, fand am 8. November 2012 eine Gemeinderatssitzung statt, in der die wissenschaftliche Überprüfung aller Freiburger Straßennamen beschlossen wurde. Die Ausarbeitung sollte durch den Kulturausschuss erfolgen. Die Stadt Freiburg will sich den dunklen Seiten ihrer Geschichte stellen und der historischen Verantwortung gerecht werden. Darauf folgte nun die historische Aufklärungsarbeit, welche von acht Mitgliedern betrieben wurde. Die Leitung übernahm der Historiker Volker Ilgen und bildete mit dem Beirat, bestehend aus sieben Mitgliedern, die Kommission. Im Beirat saßen auch Herr Professor Dr. Martin und Herr Dr. Schwendemann. Die Aufgabe der Leitung war sowohl die wissenschaftliche Überprüfung aller Namen anhand von Quellen und Sekundärliteratur, als auch die Dokumentation kritischer Fälle.
Der Beirat hingegen erhielt die Aufgabe, anhand von Überprüfungsmaßstäben die Recherche zu diskutieren, zu bewerten und (wenn nötig) zu korrigieren. Die Kommission, bestehend aus Leitung und Beirat, dient allerdings ausschließlich als beratende und empfehlende Kompetenz. Die Entscheidungsbefugnis liegt allein beim Gemeinderat, welcher die Änderungen von Straßennamen oder die Anbringung von Zusatzschildern beschließen muss.

Am 14. April 2013 fand eine Auftaktsitzung statt. In dieser wurde besprochen, wie die Historikerkommission vorgehen soll. Der damalige Freiburger Kulturamtsleiter Achim Könneke schlug zum Beispiel eine Überprüfung anhand von historischen, politischen und ethischen Maßstäben vor. Zudem wurden Bewertungskriterien erarbeitet. Als entscheidendsten und schwierigsten Punkt kristallisierte sich die Frage heraus, ob heutige Moral- und Rechtsvorstellungen alleingültiger Maßstab der Bewertung sein können. Ein anderes Bedenken war, ob sich verbindliche Kriterien finden lassen würden, was sich in den ersten Diskussionen als schwierig erwies. Die Kommission tagte 18 Mal über vier Jahre hinweg.

2013/2014 wurde mit der Material- und Quellenbeschaffung angefangen. 2015/2016 begannen die Klassifizierungen und Bewertungen. Die meisten „Problemfälle“ erwiesen sich als personenbezogene, nach 1945 vorgenommene Straßen- und Platznamen. Ein Gegenargument zur Umbenennung ist, dass Straßennamen ein kollektives Gedächtnis einer Kommune und somit ein Teil der Stadtgeschichte seien, welche nicht nach heutigen Vorstellungen entfernt werden sollen. Die Abwägung zwischen politisch-ideologischen Verstrickungen und Verdiensten war wichtig, als es darum ging, ob Straßennamen umbenannt werden sollten. Die Kommission behielt einen großen Rahmen an vorgegebenen Kriterien bei. Demnach sollten Personen zunächst erst einmal im historischen Kontext begriffen werden. Danach sollte gefragt werden, ob die nationalsozialistische Unterstützung der jeweiligen Person über Mitläufertum hinausging oder nicht und ob die Person den Antisemitismus vertrat. Der Beitritt zur NSDAP sagte allerdings nichts aus und musste stets hinterfragt werden. Das Vorgehen der Kommission, sobald „Problemfälle“ erkannt wurden, lief folgendermaßen ab: Es wurde recherchiert, woher der erstmalige Benennungsvorschlag kam und wann dieser erfolgte. Dann mussten die städtischen Instanzen via eines endgültigen Gemeinderatsbeschlusses Stellung nehmen.

Um die Straßennamen nun zu klassifizieren, mussten Kriterien festgelegt werden. Die aktive Förderung des Nationalsozialismus, aggressiver Antisemitismus, extremer Rassismus oder extreme Frauenfeindlichkeit waren vier der fünf Kriterien zur Klassifizierung. Wenn mehrere Kriterien auf eine Person zutrafen, war dies ein Hauptkriterium für die Klassifizierung in Kategorie A. Es gibt drei Kategorien: A, B und C. A steht für schwer belastete Straßennahmen, deren Umbenennung dringend empfohlen wird. Straßennamen in Kategorie B werden als diskussionswürdig empfunden und sollen mit einem Zusatzschild versehen werden. Straßennahmen der Kategorie C wurden wiederum in C1 und C2 aufgeteilt. C1-Namen würde man heute nicht mehr so vergeben, erfordern allerdings keine sofortige Änderung. C2-Namen sind akzeptable Bezeichnungen. Durch den Vergleich verschiedener Personen ergaben sich häufig Umgruppierungen.

März 2016 stand die endgültige Liste fest, auf der zwölf Straßennamen in Kategorie A eingestuft wurden. Der Abschlussbericht wurde dem Gemeinderat übergeben, welcher beschloss, den Empfehlungen der Kommission zu folgen. In Herdern ist nur der Ludwig-Aschoff-Platz betroffen und in Zähringen die Alban-Stolz-Straße.