Geschichtlicher Hintergrund

Jüdisches Leben in Aplerbeck 1815-1933

Die jüdische Gemeinde Aplerbeck

Vor dem 19. Jahrhundert gab es im heutigen Stadtbezirk Aplerbeck keine jüdische Bevölkerung. Das jüdische Leben in Aplerbeck begann 1815 mit dem Zuzug der Familie von Herz Koppel an die Köln-Berliner-Straße. Die Zahl der Gemeindemitglieder stieg – parallel zur Zunahme der Gesamtbevölkerung – von 6 (1818) über 63 (1858) und 108 (1906) auf ca. 120 (1933) kontinuierlich an.

Ab diesem Zeitpunkt gehörte Aplerbeck zum „Synagogenbezirk Hörde“. Am 01. April 1911 verfügte der Regierungspräsident von Arnsberg die Bildung einer „Filialgemeinde“. Zur neuen „Synagogengemeinde Aplerbeck“ gehörten die Ortsteile Aplerbeck, Schüren, Berghofen und Sölde. Der erste Betsaal wurde im Anbau der Gaststätte „Zur Mühle“ (heute Parkplatz der Sparkasse) angemietet. Der letzte angemietete Betsaal befand sich im Anbau des „Gasthofs zum deutschen Kaiser“ in der Köln-Berliner-Straße.

Synagoge in Hörde

Der jüdische Friedhof an der Schweizer Allee wird 1887 erstmalig erwähnt. Er wurde 1926 geschlossen, da schon 1894 der jüdischen Gemeinde ein eigenes Gräberfeld auf der Neuanlage des kommunalen Friedhofs an der Köln-Berliner-Straße zugewiesen worden war. Die letzte jüdische Bestattung fand dort 1939 statt.

Jüdischer Friedhof an der Schweizer Allee
Jüdischer Friedhof an der Köln-Berliner-Straße

Vergleicht man die Berufsstruktur der jüdischen Gemeinde Aplerbeck mit der der christlichen Mitbürger, so fällt auf, dass der Lebenserwerb der jüdischen Familien hauptsächlich in drei Berufsgruppen stattfand: Kleinkaufleute, Viehhändler und Handwerker (z.B. Fleischer, Schneider, Schuster u.a.). Da jüdischen Mitbürgern bis 1869/71 die Ausübung eines zünftigen Handwerks und der Betrieb von Landwirtschaft verboten waren, war die Spezialisierung auf das Kaufmännische oft die einzige Möglichkeit, die Familie zu ernähren. Dies erklärt, warum große Teile des Geschäftslebens in jüdischer Hand waren. 

Einige repräsentative Gebäude in Aplerbeck zeugen noch heute vom Wohlstand ihrer jüdischen Erbauer (das bekannteste ist der Altbau des Kaufhauses Karstadt, heute Kaufland, welches von Julius Rosenberg 1925 eröffnet wurde).

Kaufhaus von Julius Rosenberg: Aplerbecker Markt

Auch in der jüdischen Bevölkerung gab es arme, mittelständische und reiche Mitbürger. Diese waren nach vorliegenden Quellen größtenteils in die nichtjüdische Bevölkerung integriert. So leisteten sie im Ersten Weltkrieg ihren Wehrdienst, beteiligten sich an der kommunalen Selbstverwaltung und waren Mitglieder in örtlichen Vereinen.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 veränderte sich das Leben der Aplerbecker Juden dramatisch.

Jüdische Gemeinde Aplerbeck [TEIL 1]
Jüdische Gemeinde Aplerbeck [TEIL 2]

Jüdisches Leben in Aplerbeck 1933-1945

Alltag im Nationalsozialismus

„Am 10. Mai 1933 begann in Berlin die öffentliche Bücherverbrennung in großer Inszenierung, eingeleitet durch einen Fackelzug von uniformierter [Hitlerjugend] HJ und [der paramilitärischen Kampforganisation ,Sturmabteilung΄] SA mit Trommeln und Fanfaren. Nach einer flammenden Rede wurde dann jedes ,undeutsche΄ Buch unter Nennung des Autors mit einem ,Feuerspruch΄ in die Flammen geworfen. […]

In Aplerbeck folgte der Berliner Veranstaltung prompt der Aufmarsch von HJ und SA auf dem Marktplatz unter großer Beteiligung der Bevölkerung. Die ,Feuersprüche΄ donnerte der Parteigenosse Brauckmann den Leuten entgegen, und unter tosendem Beifall wurden die Schriften von Heinrich Heine und Erich Kästner, von Franz Kafka, Sigmund Freud und Bert Brecht verbrannt.“

Bücherverbrennung auf dem Aplerbecker Markt

Zu der Zeit zogen SA-Posten auch vor jüdische Geschäfte in Aplerbeck auf. „Sie trugen Schilder mit der Aufschrift ,Kauft nicht bei Juden΄, beobachteten, wer trotzdem hier einkaufte, fotografierten die Käufer und veröffentlichten diese Fotografien in der Presse.

In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1935 schmierten Zivilpersonen an Haustüren und Fensterscheiben der jüdischen Einwohner Aufschriften wie ,Jude΄, ,Schmierjude΄ und ,Saujude.

Am 17. Juli 1935 lud die NSDAP die Bevölkerung zur Teilnahme an der [Einweihung des neuen Aplerbecker Aushangs der antisemitischen Wochenzeitung ,Der Stürmer΄ auf dem Rathausplatz in Aplerbeck] ein. Auf der Einladung werden die ,Volksgenossen und Volksgenossinnen΄ aufgerufen, dabei mitzuhelfen, ,den Kampf gegen Alljude siegreich zu beenden. […]

Etwa gleichzeitig wurde das Flugblatt mit der Aufschrift ,Jüdische Geschäfte und Gewerbetreibende΄ verteilt. [Darin waren die jüdischen Geschäfte einzeln aufgelistet, die „Volksgenossinnen und Volksgenosse“΄ wurden aufgerufen, diese Geschäfte zu meiden.] Wenig später zertrümmerten Unbekannte eine Schaufensterscheibe [des Konfektionsgeschäfts] Walter Herzberg, nachdem zuvor auch ähnliche Ausschreitungen gegen andere jüdische Geschäftsleute in Aplerbeck durchgeführt worden waren. Viele ehemalige Kunden trauten sich aus Angst nicht mehr in die jüdischen Geschäfte. […]

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zerstörten und plünderten Angehörige der SS auch [in Aplerbeck] jüdische Geschäfte, nahmen Juden fest und misshandelten sie.“ Gewalttätige Ausschreitungen richteten sich z.B. gegen die Metzgerei Löwenstein und den jüdischen Viehhändler Rosenthal. Ebenso wurde in dieser Nacht der jüdische Friedhof an der Schweizer Allee verwüstet.

Angehörige der SS drangen gemeinsam mit SA-Leuten und Angehörigen anderer NS-Organisationen in die Synagoge in Hörde ein. Nach der Zerstörung der Inneneinrichtung setzten sie das Gebäude in Brand. Die herbeigerufene Feuerwehr wurde an den Löscharbeiten gehindert.

 „Ab 1939 durfte kein Jude mehr einen selbstständigen Geschäftsbetrieb oder ein Gewerbe mehr ausüben – damit war auch die jüdische Gemeinde Aplerbeck am  Ende. Bis 1941 gab es noch die Möglichkeit der Auswanderung, und viele Aplerbecker Juden nutzten die Möglichkeit, dem Terror zu entkommen.

Wer es nicht konnte, den erwartete ab 1942 der Transport in die Konzentrations- und Vernichtungslager; nur sehr wenige überlebten. […]

Am 4. April 1941 wurden die letzten Aplerbecker Juden aus dem ,Judenhaus΄ (Ghetto) Sölder Kirchweg 27/Ecke Gabelstraße, in dem mehrere Familien zusammengepfercht worden waren, abgeholt. Wie Wolfgang Noczynski [ein Aplerbecker Heimatforscher] von Zeitzeugen erfuhr, ,geschah der Abtransport in das Sammellager Deusen, Parsevalstraße, unter Mitwirkung der SA und Hitlerjugend. Der Lehrer Schmi. befreite seine Jungens des Fanfarenzuges vom Unterricht. Die Musikkapelle von Heinrich Iß. war zum ,Abschied΄ aufgestellt und wurde u.a. auch vom Ortsgruppenleiter Sche. dirigiert.

Sehr unsanft (mit viel Bruch) wurde das wenige Mobiliar auf die Straße gestellt und auf einen Lastwagen verladen. Einkochgläser wurden auf die Straße geworfen und zerschellten. An den Seitenplanken des LKW`s hatte man Schilder mit der Aufschrift – Auszug der Juden aus Aplerbeck-angebracht. Bei der Ankunft in Deusen wurde die Ladung einfach abgekippt.΄“

„Wolfgang Noczynski hat in mühevoller Arbeit versucht, das Schicksal der Aplerbecker Juden zu erhellen. Von den 101 Personen, deren Daten er ermitteln konnte, kamen 40 in den Lagern um. 28 konnten emigrieren, vor allem in die USA. Das Schicksal von 32 konnte er nicht feststellen. Von den nach Holland geflüchteten Aplerbecker Juden überlebten nach der deutschen Besetzung (1940) zwei unter falschem Namen im Untergrund; sechs wurden verhaftet und in die Todeslager gebracht. Nur ein einziger Jude konnte in Aplerbeck die Verfolgung überleben, weil er in einer ,Mischehe΄ lebte und seine Kinder katholisch erziehen ließ.“

Alltag im Nationalsozialismus [TEIL 1]
Alltag im Nationalsozialismus [TEIL 2]