Bedeutung der Olympischen Spiele für die Bundesrepublik

Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland bei den Olympischen Spielen von 1972 in München:

„Die heiteren Spiele von München“

Nach den schlimmen Jahren des Nationalsozialismus und den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges wollte die Bundesrepublik Deutschland ein Bild der Harmonie und Ruhe an die Besucher der Olympischen Spiele von 1972 vermitteln. Das Bild des grausamen und mörderischen Nazi-Deutschland sollte überwunden werden. Die Deutschen wollten endlich aus diesem dunklen Schatten der Vergangenheit treten und der Welt zeigen, dass das deutsche Volk friedliebend und herzlich ist zu jedermann. In den 16 Tagen wurde auf sonnige und heitere Tage gehofft, in denen das „wahre Gesicht“ der deutschen Bürger und Bürgerinnen erkannt werden könne. Alle sollten ausgelassen und aufgeschlossen die Festtage miteinander verbringen.

Programmatisch wurde formuliert: „So sollen die Spiele sein: heiter, leicht, dynamisch, unpolitisch, unpathetisch, frei von Ideologien, eine spielerische Durchdringung von Sport und Kultur.“[1]

Die Bundesrepublik bot ein großes Programm an kulturellen Erlebnissen an, die vor allem von Jugendlichen und Studenten veranstaltet wurden. Somit entstand der Eindruck eines hohen Bildungsstandards und von jugendlicher Moderne des Staates, unter anderem durch das große Angebot an Ausstellungen, Opern und musikalischen Aufführungen. Auch durch die vielen in München ansässigen Hochschulen, Universitäten sowie Museen gab es eine Untermauerung des frischen und wissbegierigen Geistes der Deutschen. Willi Daume, Präsident des damaligen Organisationskomitees 1972, bezeichnete deshalb die Olympischen Spiele sogar als „großes Fest der Jugend“ [2]. Von jedem antretendem Land wurden nicht nur die Athleten nach München eingeladen, sondern auch der Nachwuchs in das Olympische Jugendlager. Dort sollte sich die Jugend der verschiedenen Nationen unvoreingenommen kennenlernen und bei gemeinsamen Ausflügen sollte ihnen die deutsche Kultur und Wissenschaft nähergebracht werden.

Die Jugendlichen und Studenten trugen noch eine andere Symbolik. Denn sie sollten nicht nur den gegenwärtigen Zustand Deutschlands widerspiegeln, sondern als neue Generation auch zeigen, dass Freiheit und Frieden durch sie als Werteträger beständig und zukunftsweisend für die junge Republik ist.

Die extra für die Spiele errichteten Sportstätten und Quartiere in München sollten einmal mehr die Leistungsfähigkeit und Moderne der Deutschen untermauern. Neueste Techniken, wie Computer, kamen zum Einsatz und die verwendeten Piktogramme waren leicht verständlich. Die immensen Errichtungssummen wurden dabei nur nebensächlich betrachtet. Es ging einzig und allein darum, den Ruf der Republik wieder rein zu waschen und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen, dass ein friedliches Miteinander mit Verständigung und Versöhnung möglich ist.

Nichts sollte mehr an die dunklen und zerstörerischen Taten Hitlers und seine scheinheilige Austragung der Spiele von 1936 erinnern. Davon wollte sich die Bundesrepublik distanzieren und stattdessen ein authentisches Erlebnis bieten, bei dem auf Gewalt und übermäßige Kontrolle vollends verzichtet wurde. Ein Gefühl der Gemeinschaft und eines friedlichen Miteinanders sollte geschaffen werden, mit dem Fokus auf Versöhnung und Menschlichkeit. Deshalb wurde der Ordnungsdienst auch nicht mit Waffen, sondern nur mit Walkie Talkies, ausgestattet, um ganz offensichtlich die Friedlichkeit zu demonstrieren.

Zum ersten Mal durfte auch die DDR, getrennt und unabhängig von der Bundesrepublik, unter ihrer eigenen Flagge und Hymne antreten. Dadurch prallten beide Systeme aneinander, die Repräsentation des gelungenen Sozialismus und die des weltoffenen demokratischen Staates. Die BRD wollte selbst auf ihr offenes Herz hinweisen, da ganz offensichtlich auch andere politische Systeme akzeptiert wurden.

Somit wollte die Bundesrepublik Deutschland mit der Austragung der Olympischen Spiele in München ihrem friedvollen Charakter und ihrer Offenheit, sowie Freundschaft  gegenüber allen Menschen, egal welcher Religion, Hautfarbe oder Herkunft, Ausdruck verleihen.

Die Olympiabauten gelten als herausragende Zeugnisse der bundesdeutschen Architektur. Hier Olympiastadion und die Mehrzweckhalle mit dem für alle Sportstätten typischen Dach.

Ein Beispiel für die Umsetzung des Konzepts von Vielfalt, Offenheit und Toleranz sind die Farben der Olympiade, hier als Banderole sichtbar.

Die Regenbogenfarben:
Orange, Gelb, Hellgrün, Hellblau, Dunkelblau, Dunkelgrün – wurden als Banderole oder als Fahnen häufig im Olympiagelände verwendet.
Für den Grafikdesigner Otto Aicher war klar, dass er auf die „Farben der Macht“ der Nationalsozialisten verzichtet, also Braun, Schwarz und Rot. Gleichzeitig wurde auf Purpur, Violett und Gold verzichtet, diese standen für Staat und Religion.


[1] Zitat aus einem Schaukasten im Olympiapark München

[2] offizieller Olympiaführer 1972, Seite 4