Dachau

„Bis heute meinten wir immer, dass Dachau in der Nähe von München liege. Von nun an liegt München leider in der Nähe von Dachau.“

Der israelischer Außenminister Abba Eban nach dem Attentat 1972[1]

Nur 14 km vom Olympiapark entfernt, befand sich eines der berüchtigtsten Konzentrationslager des NS. Dieses KZ bestand zwischen 1933 und 1945 und diente als Modell für alle anderen Lager. In Dachau und seinen 140 Außenlagern waren insgesamt über 200.000 Personen aus ganz Europa inhaftiert. Etwa jeder Fünfte überlebte die grausamen Bedingungen nicht.

Die Häftlinge waren aus politischen, religiösen, rassischen und biologistischen Gründen in Dachau inhaftiert. Ungefähr ein Viertel der Häftlinge waren Juden. Tausende von ihnen fanden hier den Tod.

„Meine ganze Familie wurde während des Dritten Reiches ermordet. Deutschland und München waren für mich gleichbedeutend mit dem Tod von 6 Millionen Juden, dem Tod meines Vaters und meiner Familie, ich sah in jedem deutschen Erwachsenengesicht die Mörder meiner Eltern.“

Der israelische Gewichtheber Tuvia Sokolovsky[2]

Auf unserer Studienfahrt besuchten wir auch die KZ-Gedenkstätte Dachau

Das ehemalige Konzentrationslager ist ein Ort des Erinnerns und Gedenkens, ein Friedhof, aber auch ein Museum und ein Ort des Lernens. Es existiert eine umfangreiche Dauerausstellung, ergänzt durch Sonderausstellungen, Archiv und Bibliothek.

Für die verschiedenen Religionen gibt es Gedenkorte:

  • Russisch-orthodoxe Auferstehungskapelle (1995)
  • Evangelische Versöhnungskirche (1967)
  • Katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960)
  • Karmel Heilig Blut (1964)
  • Jüdische Gedenkstätte (1967)

Die DDR-Delegation in Dachau (1972)

Vom Selbstverständnis her, stellte sich die DDR als antifaschistischer Staat dar, der im Gegensatz zur Bundesrepublik die Zeit des NS komplett aufgearbeitet und jede Spur des Faschismus im Staat beseitigt hat. In der Systemauseinandersetzung der beiden deutschen Staaten warf die DDR der BRD vor, als kapitalistischer Staat immer noch faschistisch zu sein.

Deshalb war es folgerichtig, dass für Teile der DDR-Olympiamannschaft und für die „Touristen“ ein Besuch im ehemaligen KZ Dachau zum Pflichtprogramm gehörte.

Im offiziellen „Olympia-Buch“[3] wurde darüber berichtet:

Mit einer Kranzniederlegung ehrten Sportler und Touristen sozialistischer Länder in der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers Dachau die ermordeten Widerstandskämpfer und Antifaschisten aus fast allen Ländern Europas


Begegnung mit der Vergangenheit

„Nur eine knappe halbe Stunde Fahrt mit dem Bus, da war Olympia, waren Gedanken an Siege und Rekorde, Freude über Erfolge wie weggewischt.

Stille herrscht auf dem Gelände des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers Dachau vor den Toren der Olympiastadt. Hier, wo Tausende und Abertausende Antifaschisten aus fast allen Ländern Europas gefoltert, geschunden und ermordet wurden, überfällt den Besucher Trauer – und Haß. Haß auf jene Bestien in Menschengestalt, die da mordeten und folterten, Haß auf das faschistische Regime, das die Mörder hervorbrachte und ihnen das Morden nicht nur erlaubte, sondern Mord zur Maxime machte. Und Haß auch auf jene, die nichts gelernt haben und auch während dieser olympischen Tage mit Bomben, Brand und Gift wehrlose Frauen und Kinder im fernen und doch so nahen Vietnam mordeten.

Es waren Unzählige, die über den ereignisreichen sportlichen Veranstaltungen in München nicht vergaßen, diese Gedenkstätte zu besuchen, um das Andenken der ermordeten Kämpfer gegen Faschismus und Krieg zu ehren. Touristen aus der DDR gehörten dazu und Sportlerinnen und Sportler der DDR- Olympiamannschaft, die dort eine Begegnung mit der Vergangenheit, einer mahnenden Vergangenheit hatten. Auch Josef Zapedzki, der polnische Olympiasieger im Schnellfeuer-Pistolen-schießen, besuchte mit seinen Mannschaftskameraden das ehemalige Nazi-KZ. Für ihn verbinden sich mit diesem Ort persönliche schmerzliche Erinnerungen. Während er selbst als Sechzehnjähriger in einer Warschauer Fräserei von den faschistischen Besatzern täglich bis zu 14 Stunden zur Arbeit gezwungen wurde, war sein Vater nach einem langen Leidensweg durch die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald im Frühjahr 1945 in Dachau ermordet worden.

Keine offizielle Stelle der BRD, auch nicht das Organisationskomitee der Spiele, störte es, daß während der Olympischen Spiele in Münchner Kinos das faschistische Machwerk der Riefenstahl über die Nazi- Olympiade 1936 über die Leinwand flimmerte. Aber Einwände über Einwände gab es von den gleichen Stellen gegen­über einer von der VVN der BRD in der Gedenkstätte aufgebauten Ausstellung «Sportler im Widerstandskampf». Die Ausstellung wurde, allen Schwierigkeiten zum Trotz, dennoch unmittelbar vor den Spielen eröffnet, und die Zahl der Besucher zeigte, daß die in ihr zum Ausdruck kommende Mahnung verstanden wurde.“

Hier wird auch die für die DDR typische Sichtweise auf die Konzentrationslager sichtbar: Die Inhaftierten waren entweder „Widerstandskämpfer“, das heißt in erster Linie Kommunisten, oder „Antifaschisten“, das heißt Gegner des NS. Eine Differenzierung der Häftlingskategorien findet nicht statt. Davon, dass ein Viertel der Inhaftierten in Dachau Juden waren, wird nicht gesprochen.

Auch im offiziellen Geschichtslehrbuch für Schulen in der DDR wird über den Mord an den Juden nur am Rande berichtet:[4]

„Ein besonders schweres Los hatten die Kommunisten, Antifaschisten und aus rassischen Gründen Verfolgten, vor allem Juden, die von den Faschisten in den Konzentrationslagern gefangengehalten wurden. Hunderttausende sowjetische Bürger kamen zu den Häftlingen aus allen Ländern Europas, aber auch aus Deutschland, hinzu. Über acht Millionen Menschen der verschiedenen Nationen und Klassen, in erster Linie Arbeiter, Kommunisten, Sowjetbürger, progressive Angehörige der Intelligenz und Juden, wurden in den Konzentrationslagern grausam ermordet.“


[1] 5.9.1972, Das Olympia-Attentat von München, Luis Palme, 2005, S. 18f.

[2] Ebda. S. 15

[3] Spiele der XX. Olympiade München 1972, Hrsg. Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der Deutschen Demokratischen Republik

[4] Geschichte, Lehrbuch für Klasse 9, Berlin, 1978, S.206