Gedenken bei den Olympischen Spielen

Wie soll – Wie kann es nach solch einem schrecklichen Anschlag weitergehen?

  • Die Spiele wurden am 5. September unterbrochen.
  • Am 6. September fand im Olympiastadion vor 80.000 Zuschauern eine bewegende Trauerfeier statt. Alle Fahnen waren auf Halbmast gezogen.[1]
  • In seiner Rede betonte Shmuel Lalkin, der Leiter der israelischen Olympiamannschaft, die Grundgedanken der Olympischen Spiele: Brüderlichkeit, Freundschaft, Fairness, Frieden. Dieser Geist wurde durch das Attentat zerstört.

Shmuel Lalkin, Chef de Mission der israelischen Mannschaft:[2]
Ungeheuerliches, barbarisches Verbrechen

Die Sportler Israels kamen nach München zu den Spielen der XX. Olympiade im Geiste der olympischen Brü­derlichkeit, der Freundschaft, der Fairneß und des Friedens, gemeinsam mit allen Sportlern der Welt. Zutiefst er­schüttert trauern wir über die barbarische Schändung des olympischen Geistes, verursacht durch den heimtücki­schen Überfall von Terroristen, bei welchem elf unserer Sportler in verbrecherischer Weise ermordet wurden.

Sie waren wahre und tapfere Sportkameraden und starben in der Blüte ihres Lebens. Solch ungeheuerliches Verbrechen steht in der Geschichte der Olympischen Spiele beispiellos da und wird von allen zivilisierten Menschen auf das schärfste verurteilt. Wir betrauern zutiefst unsere Toten und drücken ihren Familien unser tiefstes Beileid aus. Wir bedauern die Opfer der Menschen, die in Erfüllung ihres Dienstes beim Einsatz gegen die verbrecherischen Banditen ihr Leben geben mußten oder verwundet wurden und empfinden mit ihren Angehörigen.

Im Namen der israelischen Delegation, im Namen aller Sportler unseres Landes und im Namen aller Bürger des Staates Israel möchte ich dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Organisationskomitee der XX. Olympiade meine Anerkennung aussprechen, daß sie die Spiele als Zeichen der Solidarität mit den israelischen Sportlern unterbrochen haben. Dem Krisenstab der Polizei, dem Grenzschutz und den Sicherheitsorganen gebührt unsere Anerkennung. Wir schätzen die scharfe Verurteilung des Verbrechens und die Worte des Beileids, die uns von Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Journalisten und von der Bevölkerung dieses Landes sowie von Sportlern aus aller Welt ausgesprochen wurden.

Ich darf Ihnen hier versichern, daß die Sportler Israels trotz dieses niederträchtigen Verbrechens auch weiterhin an olympischen Wettkämpfen im Geiste der Brüderlichkeit und der Fairneß teilnehmen werden. In tiefer Erschütterung verläßt die israelische Delegation diesen Ort. Wir danken allen für die uns erwiesene Solidarität.

  • Bundespräsident Gustav Heinemann sieht in der Überwindung des Hasses und des Fanatismus durch Verständigung und Versöhnung, den einzigen Weg zum Frieden.

Gustav Heinemann, Präsident der Bundesrepublik Deutschland:[3]
Die olympische Idee ist nicht widerlegt

Vor elf Tagen habe ich hier in dieser Arena die Olympischen Spiele München 1972 eröffnet. Sie begannen als wahrhaft heitere Spiele im Sinne der olympischen Idee. Ein großartiges Echo in der weiten Welt begleitete sie, bis sich vor zwei Tagen der Schatten einer Mordtat auf sie legte. In der vergangenen Nacht haben sich Schrecken und Entsetzen ausgeweitet. Der Versuch zur Rettung der israelischen Geiseln schlug fehl.

Wo vor kurzem noch frohe Gelöstheit herrschte, zeichnen jetzt Ohnmacht und Erschütterung die Gesichter der Menschen. Fassungslos stehen wir vor einem wahrhaft ruchlosen Verbrechen. In tiefer Trauer verneigen wir uns vor den Opfern des Anschlages. Unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen und dem ganzen Volk Israel. Dieser Anschlag hat uns alle getroffen. Waren der Anschlag und sein Ausgang abzuwenden? Niemand wird darauf im Augenblick eine abschließende Antwort geben können. Wer sind die Schuldigen an dieser Untat?

Im Vordergrund ist es eine verbrecherische Organisation, die glaubt, daß Haß und Mord Mittel des politischen Kampfes sein können. Verantwortung tragen aber auch jene Länder, die diese Menschen nicht an ihrem Tun hindern.

Allen Menschen in allen Teilen der Welt ist in den letzten Stunden vollends klar geworden, daß Haß nur zerstört. Die Opfer auch dieses Anschlages rufen uns abermals auf, unsere ganze Kraft für die Überwindung des Hasses einzusetzen. Gerade angesichts der neuen Opfer gilt es jetzt, dem Fanatismus, der die Welt aufgeschreckt hat, den Willen zur Verständigung entgegenzusetzen. Die olympische Idee ist nicht widerlegt Wir sind ihr stärker verpflichtet als zuvor. Bei dem, was wir erleben mußten, besteht keine Trennungslinie zwischen Nord und Süd, keine zwischen Ost und West. Hier besteht eine Trennungslinie zwischen der Solidarität aller Menschen, die den Frieden wollen, und jenen anderen, die in tödliche Gefahr bringen, was das Leben lebenswert macht. Das Leben braucht Versöhnung. Versöhnung darf nicht dem Terror zum Opfer fallen. Im Namen der Bundesrepublik appelliere ich an alle Völker dieser Welt: Helft mit, den Haß zu überwinden. Helft mit, der Versöhnung den Weg zu bereiten.

„Zu Beginn der Trauerfeier […] kondoliert Bundestagspräsident Kai Uwe von Hassel den Eltern des Ringer-Trainers der Israeli, Moshe Weinberg.“[4]

  • „The games must go on!“ – mit diesem Satz lässt der damalige IOC-Präsident Avery Brundage die Olympischen Spiele fortführen.
  • Diese Entscheidung wurde unter den Teilnehmern und Politikern kontrovers diskutiert.
  • Bis heute hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch keine angemessene Erinnerung (Schweigeminute) an das Attentat durchgeführt.
  • Das IOC sieht sich gern als unpolitische Organisation.

[1] Die Olympischen Spiele 1972 München-Kiel-Sapporo, Werner Schneider, Bertelsmann, 1972, S.8

[2] Ebenda, S.10

[3] ebenda

[4] Die Olympischen Spiele 1972 München-Kiel-Sapporo, Werner Schneider, Bertelsmann, 1972, S.11