Interviews

Das Olympiaattentat 1972 aus der Sicht eines Sportlers und eines Zuschauers der DDR mit Danny Mlaouhia

Die Fragen:

  1. Beschreiben Sie bitte die Atmosphäre damals bei den Olympischen Spielen, die Sie mitbekommen haben.
  2. Wie erlebten Sie das Attentat bzw. was hörten Sie damals darüber?
  3. Wie wurde dieses Attentat bei den Besuchern aus der DDR bzw. in der DDR bewertet?

Die Antworten:

Frank Ganzera

Frank Ganzera war damals Teilnehmer der Olympiade in der Sportart Fußball. Er gewann mit seiner Mannschaft die Bronzemedaille.

Die Olympiade war zu diesem Zeitpunkt etwas Besonderes mit der Teilnahme von zwei deutschen Mannschaften in der BRD.
Die damalige DDR- Mannschaft war in einem 10stöckigen Wohnkomplex mit 3 Eingängen neben dem Olympiastadion untergebracht.
Ich wohnte in einer Wohnung in der 1.Etage mit großer Terrasse gemeinsam mit einigen Sportkameraden. Uns gegenüber wohnten in einem zweistöckigen Gebäudekomplex nur durch einen Fußweg getrennt, in einer Entfernung von ca. 20 Meter die israelische Mannschaft .Ich führe das deshalb an, damit man sich ein Bild machen kann wie nah wir am Attentat dran waren.
Bis zu diesem Ereignis war die Atmosphäre in München grandios. Wir als DDR-Mannschaft wurden bei unseren Spielen von den bundesdeutschen Zuschauern wie eine Heimmannschaft gefeiert.
Am Morgen des 05.09.72 stand ich aus meinem Bett auf und schaute auf den gegenüberliegenden Balkon der israelischen Mannschaft und sah einen der Attentäter mit vermummten Kopf und einem Maschinengewehr in der Hand stehen. Ich habe alle meine Mitbewohner sofort informiert.

Vor der Haustür verhandelte der damalige Außenminister Genscher mit den Attentätern. Die Olympiade stand kurz vor dem Abbruch.

Die Sicherheitsvorkehrungen wurden extrem verschärft. Wir waren schließlich froh, dass die Olympiade ohne weitere Zwischenfälle zu Ende ging.
Besonders betroffen hat uns natürlich, dass unbeteiligte israelische Sportler aus politischen Gründen getötet wurden und der Hubschrauberpilot, welcher die Terroristen zum vereinbarten Flughafen gebracht hatte mit in die Luft gesprengt wurde. Es gab insgesamt 17 Tote.
Nach dem Attentat war die Atmosphäre extrem angespannt. Unsere Angehörigen zu Hause haben sich große Sorgen gemacht. Es gab ja zu diesem Zeitpunkt wenige Kommunikationsmöglichkeiten: keine Handys, keine Mails nur die Nachrichten der Medien.

Peter Rosse

Peter Rosse war während der Olympischen Spiele 1972 einige Wochen als Mitglied einer Reisegruppe von Sportbegeisterten aus dem damaligen Bezirk Dresden in München. Er reiste mit einem Sonderzug hin und zurück. Er und der Rest der Gruppe wohnten in Kiefersfelden an der österreichischen Grenze in kleinen Hotels bzw. Pensionen. Sie fuhren täglich zu den Wettkämpfen über Rosenheim ins Olympiastadion und zurück. Diese Möglichkeit erhielt er, da er zu dieser Zeit Mitglied der Chefredaktion der Sächsischen Zeitung war.

Zu 1) Die Atmosphäre im Münchener Olympiastadion an allen Sportstätten, die ich besuchen konnte war großartig und wahrhaft olympisch. Das habe ich auch 48 Jahre danach so in Erinnerung, und ich bin überzeugt, dies damals auch so empfunden zu haben. Das Stadion mit seinem Freigelände war dazu bestens geeignet. Man begegnete Touristen aus aller Welt bei Zu- und Abgang und in Wettkampfpausen. Es war überall eine lockere, freundschaftliche Atmosphäre erlebbar. Wir Touristen aus der DDR hatten uns zwar auf mögliche Probleme (Anfeindungen u. ä.) eingestellt, aber meines Wissens gab es so etwas nicht. Unser Ziel war eindeutig, die spürbare stimmungsvolle Unterstützung unserer DDR-Sportler im Wettkampf und das wurde auch bemerkt und von den meisten Zuschauern auch akzeptiert. Wir pflegten in unserem Zuschauerblock z.B. ein Ritual, dass wir bei guten Leistungen unserer Sportler in Sprechchören riefen: „ 7…8…9…10…Klasse!“. Das wurde bald als Markenzeichen bekannt, z.T. auch belächelt. Natürlich gab es auch Situationen, wo es zwischen Anhängern aus verschiedenen Nationen stimmlich hoch herging. Ich erinnere mich z.B. an die Wettkämpfe im Turnen der Frauen, wo es aus unserer Sicht ungerechte Bewertungen bei unseren, gegenüber sowjetischen Turnerinnen gab und eben entsprechende Reaktionen im Publikum. Aber all das bewegte sich sozusagen im sportlichen Rahmen. Es waren für mich, wie sicher auch für viele andere DDR-Touristen, von der Atmosphäre her wirklich beeindruckende Olympische Spiele. Das war aus meiner Sicht ein großes Verdienst der Gastgeber, aber in unserem Fall auch stark vom hervorragenden Auftreten und Abschneiden der DDR-Sportler bedingt. Umso mehr störte dieser wie ich meine „schwarze Fleck“, das Attentat.

Zu 2) Jetzt gebrauche ich noch einmal das Bild vom schwarzen Fleck. Ich weiß nicht mehr im Einzelnen, wie ich davon erfahren habe. Es gab sicher Durchsagen von der Reiseleitung. Wir haben sicher die Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen verfolgt. Auf jeden Fall gab es für uns die Entscheidung, dass wir Sporttouristen am nächsten Tag nicht nach München fahren, weil die Lage als zu unübersichtlich und zu gefährlich eingeschätzt wurde. Wir haben dann an diesem Tag tatsächlich eine Art Freizeitprogramm absolviert, ich bin z.B. in einer Gruppe von Kiefersfelden nach Oberaudorf gewandert.

Zu 3) Wenn ich mich recht erinnere, war unsere erste Reaktion, dass das Problem möglichst schnell und ohne Opfer gelöst werden müsse. Auf keinen Fall dürften die Olympischen Spiele dadurch gefährdet werden. Unsere politische Reaktion war wohl zwiespältig. Wir empfanden grundsätzlich Verständnis und Solidarität für den Kampf der Palästinenser. Aber wir lehnten eine solche Kampfform gegen die israelischen Sportler ab. Und wir wollten konkret vor Ort nicht in diesen Kampf einbezogen werden. Wir wollten, dass diese olympischen Spiele dem Gedanken der friedlichen Koexistenz dienen und ihn verkörpern und vertiefen. Und wir wollten, dass die DDR durch ihre Sportler, und ein bisschen auch durch uns sportbegeisterte Touristen, gut vertreten wird, im Sinne eines friedlichen, gleichberechtigten Wettstreits um beste sportliche Ergebnisse und eines fairen freundschaftlichen Umgangs aller Sportler und Touristen aus aller Welt miteinander.


https://www.br.de/nachricht/olympia-attentat-spitzer100.html

Die Rächer, Aaron J.Klein, München, 2006, S.7, S. 121

https://www.wn.de/Welt/Politik/2012/09/Vor-40-Jahren-Das-Attentat-von-Muenchen-1972-die-Tragoedie-der-heiteren-Spiele/Das-Attentat-von-Muenchen-1972-Die-Folgen-des-Anschlags (17.10.2020; 8.00-8.08 Uhr)

https://www.bundespolizei.de/Web/DE/05Die-Bundespolizei/04Einsatzkraefte/GSG9-neu/01-Die-GSG9/Dreispaltig/Entstehung/entstehung_node.html (17.10.2020; 17.26-17.29 Uhr)