Ein Odenkirchener, der durch die Hölle ging: Manfred Leven

Ein Mann, der die Projektarbeit am Gymnasium Odenkirchen besonders prägte, war Manfred Leven, dessen Lebensgeschichte seit 2020 ebenfalls Teil der Ausstellung ist.

Ein kurzer Einblick in die Biografie:

Auf den ersten Blick war Manfred Leven ein Kind wie andere. Geboren am 27.09.1930 als Sohn des jüdischen Altwarenhändlers Otto Leven und der Hausfrau Gertrud Leven in Rheydt-Odenkirchen, wächst er in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter auf, doch bereits in jungen Jahren bekommt er die Diskriminierung von Seiten des nationalsozialistischen Regimes deutlich zu spüren: Aufgrund seiner Religionszugehörigkeit bleibt ihm der Zugang zu echtem Schulbesuch verwehrt; ein Einschnitt, der ihm auch in seinem späteren Leben noch vor Herausforderungen stellen wird.

Als der gerade einmal achtjährige Manfred am 10. November 1938 an der Mönchengladbacher Synagoge vorbeigeht, die in der Reichspogromnacht wenige Stunden zuvor großflächig zerstört wurde, wird er von der SA (Sturmabteilung: paramilitärische Kampforganisation der NSDAP) aufgegriffen und in die Gladbacher Gestapo-Zentrale gebracht. Später verschleppt man ihn in ein Frankfurter Waisenhaus. Seine Mutter, die kurze Zeit später deportiert wird, sieht er nie wieder.

1941 wird der inzwischen Elfjährige in das Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien gebracht, wo er schwere körperliche Arbeiten verrichten muss. Schon jetzt deutet sich an: Manfred Leven ist eine Kämpfernatur, deren Lebenswillen den unerträglichen Qualen trotzt, die das NS-Regime dem Kind zufügt. Während seines Aufenthalts in Theresienstadt trifft er unerwartet auf seine Großmutter – ein Moment der Hoffnung, der ihm neue Kraft gibt. Seine Großmutter gelangt später durch einen Gefangenenaustausch in die Schweiz und überlebt.

„In Birkenau bekam ich die Nummer […] tätowiert. A 1663! Du hast keinen Namen mehr! Du bist nichts mehr – nur A 1663!“

Manfred Leven

Auschwitz, die Chiffre der absoluten Menschenverachtung und der Shoah, ist einer der wohl prägendsten Abschnitte im Leben des Manfred Leven. Seine Häftlingsnummer A 1663 ist nur eines der vielen Wundmale, die ihre Spuren auf dem Jugendlichen hinterlassen. Bei der Arbeit im Sonderkommando muss er die Kleider der Ermordeten aus den Gaskammern tragen und Leichen in die Verbrennungsöfen der Krematorien legen – ein Alltag voller Leid und Tod, den er nur schwer ertragen kann. Doch wieder einmal zwingt ihn sein Lebenswille zum Durchhalten: Manfred Leven überlebt und wird nach Buchenwald deportiert, wo er 1945 von den amerikanischen Truppen befreit wird.

„Wo sollte ich denn hin?“

Manfred Leven auf die Frage eines Schülers, warum er nach Odenkirchen zurückgekehrt sei

Dass Manfred Leven sich nach seinen schrecklichen Erlebnissen nicht in die Isolation zurückzieht, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Nach seiner Befreiung schlägt sich der Junge zu seinem Vater nach Belgien durch und beginnt eine Metzgerausbildung, doch es zieht ihn nach einer Weile zurück in seine Heimat Odenkirchen, wo alles begann. Hier nimmt gemeinsam mit seinem Vater dessen Schrottplatz wieder in Betrieb.

Lange behält der heranwachsende Mann seine Erlebnisse für sich, leidet unter den erlittenen Traumata. Doch er überwindet sich und seine Ängste, fängt an, über sein Schicksal zu sprechen, hält Reden auf Gedenkveranstaltungen und kommt auch mit SchülerInnen ins Gespräch. Seine Botschaft: Auschwitz darf sich niemals  wiederholen.

Ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte:

Um einer so beeindruckenden wie zerrissenen Persönlichkeit, deren Willensstärke durch jede dieser Zeilen dringt, ein Gesicht zu geben, erstellte der Q2-Geschichts-LK gemeinsam mit einer kleinen Delegation der RWTH Aachen zwei eigene Roll-Ups für Manfred Leven, die seit November 2020 ebenfalls Teil der Ausstellung sind.

Eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse des Projekts blieb dennoch: Die Arbeit, die hinter diesen Roll-Ups steckt, wurde nicht zuletzt durch zahlreiche Diskussionen zwischen SchülerInnen und Fachleuten der RWTH mit Leben gefüllt; bereits kleine Schwerpunktsetzungen lernten die angehenden Abiturienten zu verinnerlichen und ihre Meinung gegenüber der Aachener Delegation zu vertreten. Der feinfühlige, tiefe Austausch wurde zum Schlüssel des Verständnisses des Unbegreiflichen.

Natürlich sind die Vorgaben einer Universität sehr dogmatisch: Im Zentrum der Projekterarbeitung des Leistungskurses stand nicht zuletzt die Frage: Wie ist es möglich, Manfred Leven mit gerade einmal 1800 Zeichen angemessen zu würdigen? Um auch die vielen kleinen Geschichten, die in den Roll-Ups zu kurz gekommen sind, aufzugreifen, erstellte die Klasse 8c Plakate mit den Lebensstationen von Manfred Leven, die den Zugang insbesondere für jüngere MitschülerInnen, aber auch für ältere Jahrgänge wesentlich erleichtern und erweitern. Und selbst akustisch lebt Manfred Leven Geschichte weiter: Insgesamt neun Podcasts der Jahrgangsstufe 9 geben dem Überlebenden und Kämpfer eine Stimme, die Sie sich hier anhören können:

Und auch die katholischen Religionskurse der Jahrgangsstufe 9 haben sich Gedanken zu Manfred Levens Geschichte gemacht. In selbst verfassten Nachrufen mit dem Motto „Gott war immer bei Dir“ schildern sie ihm ihre Gedanken und Wünsche.

Ein besonderer Moment in der Auseinandersetzung mit Manfred Levens Geschichte war der Besuch seiner Ehefrau Christel Leven, die drei Schülerguides der Jahrgangsstufe Q2 am 09. November 2020, dem 82. Jahrestag der Reichspogromnacht, durch die Ausstellung führten, um ihr die vielseitigen Arbeiten zur Biografie ihres Mannes zu zeigen.

 Bevor Frau Leven eintraf, herrschte gespannte Stimmung im Kreise der Schülerinnen und Lehrkräfte, schließlich trifft man nicht jeden Tag auf eine Zeitzeugin, die weiß, was damals auch vor unserer Haustür geschehen ist und von Erlebnissen erzählen kann, die so berühren, wie kaum ein Schulbuch-Darstellungstext es schaffen könnte. Umso größer war die Freude, dass die Roll-Ups zu Manfred Leven sehr nah an dessen persönlichen Erzählungen lagen. Die Rührung der alten Dame berührte auch die Anwesenden und zeigte, dass diese Lebensgeschichte mehr ist als ein Zeugnis der Vergangenheit. Es ist die Geschichte eines Menschen, eines besonderen Menschen, der unvorstellbare Qualen erlebt hat, die wir nie erlebt haben und hoffentlich auch niemals erleben werden. Es ist die Geschichte, die uns zeigt, wie real und zugleich unvorstellbar der Holocaust war.

„Es war keine leichte Zeit, aber wir haben es geschafft. Wir sind bis zum Schluss zusammengeblieben.“

Christel Leven während ihres Besuchs der Ausstellung

Beim Austausch über die Lebensstationen Manfreds war es insbesondere die Verarbeitung der Erlebnisse, die den Geist des Morgens bildete. Die innere Zerrissenheit, von der uns Frau Leven berichtete, führte die Anwesenden in eine ganz neue Tiefe der Person Manfred Levens ein, die seine niemals verstummen wollende Stimme noch beeindruckender erschienen ließ. Doch auch amüsante Anekdoten, die wie kleine Lichtstrahlen im Dunkeln wirkten, brachte Frau Leven mit. So berichtete sie mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass sie ihren Ehemann zufällig über die Bild-Zeitung kennengelernt habe.

Manfred Leven ist einer von vielen Odenkirchenern, die ihre Heimat verlassen und durch die Hölle gehen mussten. Sein Leid sei uns ein Mahnmal, seine Geschichte ein Teil unserer Erinnerungskultur, seine Willensstärke ein Vorbild.

Antisemitismus – auch hier, auch heute, auch unter uns!

Mit Entsetzen erfuhr unsere Schulgemeinde wenige Tage nach der Veröffentlichung des Projekts in der Lokalpresse, dass das Grab von Manfred Leven auf dem jüdischen Friedhof in Odenkirchen geschändet wurde. Wie die Schülerinnen und Schüler dieser in jeder Hinsicht entwürdigenden und verabscheuenswerten Tat entschlossen entgegentreten, erfahren Sie hier.