Komponist Karl Amadeus Hartmann

Karl Amadeus Hartmann (1905-1963)  – ein Komponist der inneren Emigration

und die Zusammenhänge zu seiner Klaviersonate „27. April 1945, III. Satz `Conerto funebre´ „

 

K.A. Hartmann (1905-1963) (Foto: Felicitas Timpe, Bayer. Staatsbibliothek)

Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) entschied sich kategorisch gegen das 3. Reich – im Gegensatz zu Carl Orff und Werner Egk, die für den „Führer“ u.a. die Musik zu den Olympischen Spielen in Berlin komponierten. Hartmann erstellte sein symphonisches Werk – über das der Schweizer Komponist und ehemalige Hamburger Intendant Rolf Liebermann sagte: „Er ist der Symphoniker nach Gustav Mahler“ – versteckt vor den Nazis, im Keller der Schwiegereltern in Starnberg-Kempfenhausen. Dort komponierte er sozusagen „für die Schublade“ mit der Ungewissheit, ob sein Schaffen je gehört werden würde. 

Bereits mit der Machtergreifung Hitlers, legte Hartmann seinen Standpunkt gegen diese politische Wende musikalisch dar, wovon seine Widmung zu dem  17minütigen Orchesterwerk „Poème symphonique MISERAE“ zeugt: „Meinen Freunden, die hundertfach sterben mußten, die für die Ewigkeit schlafen – wir vergessen Euch nicht (Dachau 1933/34)“ . Später ergänzte er, dass dieses Werk „zum Gedenken damaliger politischer und jüdischer Verfolgter, die in Dachau ermordet wurden“ , geschrieben wurde. (Im Übrigen belegen diese Widmungen ohne Zweifel, dass die Bevölkerung schon damals, 1933, über das Konzentrationslager Bescheid wußte).

Hartmann erlebte vom 27. auf den 28. April 1945 persönlich den „Todesmarsch“ der Dachauer Häftlinge, die zu Tausenden direkt unterhalb des Hauses seiner Schwiegereltern in Starnberg-Kempfenhausen, Lüderitzweg 39 vorbeischlurften:

K.A. Hartmann – Originalhandschrift (Hartmann-Nachlass, Bay. Staatsbibliothek)

„Am 27. und 28. April 1945 schleppte sich ein Menschenstrom von Dachauer `Schutzhäftlingen´ an uns vorüber – unendlich war der Strom – unendlich war das Elend – unendlich war das Leid.“ 

Hartmann komponierte daraufhin, in tiefer Betroffenheit, die Klaviersonate „27. April 1945“ und versuchte speziell im 3. Satz „Marcia funebre“ (lento, 7 Min.) dieses bedrückende und traumatische Erlebnis zu verarbeiten.

Diese Klaviersonate zählt zwischenzeitlich in ihrer pianistischen Substanz zu den bedeutendsten Klavierwerken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist zugleich ein zeitgeschichtliches Dokument, das erst 1983 vom Musikverlag `Schott´ gedruckt vorgelegt wurde. 


Werkbetrachtung

K.A. Hartmann – Originalhandschrift (Hartmann-Nachlass, Bay. Staatsbibliothek)
Notensoftware Finale: ©Haas

Hartmann formte den 3. Satz seiner Klaviersonate zu dem bewegenden Trauermarsch  „Marcia funebre“ und verwendete dafür jene „heroische“ C-Dur-Melodie des russischen Liedes der politischen Gefangenen im Zarenreich „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ (übersetzt ins Deutsche von dem Dirigent und Freund Hartmanns, Hermann Scherchen), das während der Weimarer Republik als Gewerkschaftshymne fungierte.

Schottverlag Mainz ©1983 (ED 6870)

Diesen 8-Taktigen Cantus firmus (nun in cis-Moll), den Hartmann innerhalb der ersten 21 Takte – vom Piano bis zum Pianissimo – größtenteils im Bass-Schlüssel anlegt und am Ende des Werkes etwas verändert wiederholt, unterlegt er zusätzlich mit einer ostinaten Bassführung in Oktavparallelen im tiefsten Bereich des Klaviers.

Mit der Spielanweisung „lento“, „con passione“ und „anklagend“ unterstreicht Hartmann zusätzlich das zermürbende, langsame und stete, klappernde, voranschleppende, stundenlange Schlürfen der Tausende von KZ-Häftlinge in ihren Holzschuhen auf jenem Todesmarsch.

Die musikalische Kombination von Trauermarsch, Gefangenenlied – Cantus firmus, tiefe Bassführung in Oktaven und deren Piano und Pianissimo-Behandlung verfehlen nicht den Duktus, den Hartmann damit bezweckt hat; nämlich das historische Ereignis musikalisch hörbar zu machen.

Schottverlag Mainz ©1983 (ED 6870)

Hörbar verpackt Hartmann in den Cantus firmus auch die Schüsse der SS-Wachen, die er bis ins vierfache Fortissimo im obersten Tastenbereich des Klaviers „con passione e piu mosso“ („mit Leidenschaft und mehr bewegt“) in schwer zu greifenden Akkorden interpretatorisch von dem Pianisten abverlangt.

 

Schottverlag Mainz ©1983 (ED 6870)

Eine weitere Provokation stellt der kurze Jazz-Abschnitt dar, wo Hartmann auf das Naziverbot der entarteten Jazzmusik verweist.

Hartmann schuf die Klaviersonate in erster Linie für sich selbst – so erinnert sich seine Ehefrau Elisabeth (1913-2003) und sein Sohn Richard (*1935) – um das Schrecken des Erlebten, die Trauer, die Hilflosigkeit und die Verzweiflung komponierend zu verarbeiten. Deshalb war ihm auch nicht daran gelegen, die Sonate zu seinen Lebzeiten uraufzuführen.

In der einzigen Tonaufnahme (©BR-Schallarchiv), die es von Karl Amadeus Hartmann gibt,  unterstrich  er: 

Ein Mensch und besonders ein Künstler darf nicht in den grauen Alltag hineinleben, ohne gesprochen zu haben. Meine Musik wurde in letzter Zeit oft Bekenntnismusik genannt. Ich sehe darin eine Bestätigung meines künstlerischen Wollens. Es kam mir darauf an, meine humane Lebensauffassung in einem künstlerischen Organismus spürbar werden zu lassen.“