SCHLUSSBEMERKUNG


SCHLUSSBEMERKUNG

Justin Sonder zeigt Aaron und Raphael Haas seine KZ-Bekleidung, Chemnitz am 08.06. 2017 (©Foto Haas)

Die hier von uns in eineinhalb Jahren zusammen getragenen Recherche-Ergebnisse waren für uns persönlich sehr oft bedrückend und machten uns sehr nachdenklich.

Zwischenzeitlich können wir die Schilderungen der gesprochen Zeitzeugen, die gezeichneten und bildhaurischen Kunstwerke und  den empathischen Kompositionsduktus der Klaviersonate „27. April 1945“ verstehen, analysieren, interpretieren und „begreifen“.

Die hier nun vorliegende Webseite war und ist uns ein persönliches Anliegen, um vor allem unsere Generation mit unserem persönlichen Appell wachzurütteln: So etwas, wie diese Todesmärsche im April 1945 darf es nie wieder geben. Wir alle tragen die Verantwortung dafür, aus der Vergangenheit zu lernen – die Vergangenheit zu begreifen – und solche Gräueltaten mit unserem moralisch, rechtschaffenen Denken und Wirken von vorne herein im Keim zu ersticken!“ 


Unser Ersuchen eines Mahnmals in Neunheim

Dieses (obige) Anliegen richteten wir am 13.08.2018 schriftlich  auch an die Stadt Ellwangen (Oberbürgermeister).  Denn 73 Jahre nach dem `Hessentaler Todesmarsch´, der sich in dem `Dachauer Todesmarsch´  fortsetzte, ist es unseres Erachtens höchste Zeit, dass für jederman sofort augenfällig ein Mahnmal – besonders  in unserem Dorf Neunheim – daran erinnern muss, was bisher nicht der Fall ist: 

Holzstele an der L1060 in Richtung Ellwangen (©Foto Haas)

Aktuell befindet sich ca. 2 km nord-westlich vor der Stadtgrenze von Ellwangen auf der verkehrsreichen Landesstrasse L1060 eine Holzstele, deren Hinweis „Auf dieser Straße zogen Hunderte von Häftlingen Richtung Wallerstein und weiter den Arbeitslagern von Dachau und Allach entgegen. Viele überlebten die Strapazen und die Peinigungen nicht.“ weder von den vorbei rasenden Fahrzeugen wahrgenommen werden kann, noch von den Fußgängern gelesen werden könnte, da  dieser Bereich selten von Fußgängern benutzt wird.

 

 

 

 

Jüdischer Friedhof in Ellwangen (©Foto Haas)

Am Eingang des seit 1938 stillgelegten Ellwanger Judenfriedhofes, der sich direkt gegenüber dem zweiten Standort der beiden im Ellwanger Stadtgebiet gelegenen KZ-Aussenlager Dachau/Natzweiler befindet, ist dem Erinnerungsstein zu entnehmen: „Zum Gedenken an die Zerstörung von Leben und Gesundheit verfolgter während der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: beim Hessentaler Todesmarsch im April 1945 und in den Aussenkommandos der Konzentrationslager Dachau und Natzweiler auf Ellwanger Stadtgebiet.“  

 

 

 

Erinnerungstafel im Neunheimer Steinbruch (©Foto Haas)

Fern ab an Feldwegen, wo ausschließlich Hundefreunde und Landwirte sich bewegen, befindet sich im schwer zugänglichen Gebüsch des Neunheimer Steinbruchs (süd-östlich von Ellwangen) eine „Infotafel zum Naturschutzgebiet Ellwanger Schlossweiher und Umgebung“ , die neben Geotop und Jurameer gleichzeitig auch auf die verscharrten Häftlinge im Steinbruch hinweist.

 

 

 

 

 

Schutzengelkapelle und Schafstall in Neunheim (©Foto Haas)
Todesmarsch-Denkmal vor der Mühlfeldkirche in Bad Tölz (©Foto Haas)

Unser Vorschlag eines sichtbaren  Mahnmals, so schrieben wir am 13.08.2018 an die Stadt Ellwangen (Oberbürgermeister), „sehen wir an der historischen Stelle auf der Höhe des Neunheimer Schafstalls neben der Neunheimer Schutzengelkapelle; und somit ähnlich, wie in Bad Tölz das Todesmarsch-Denkmal des Bildhauers Hubertus von Pilgrim vor der barocken Wiesenkirche.“ 

 

In dem Antwortschreiben der Stadt Ellwangen (mit Unterschrift des Oberbürgermeisters) vom 10.09.2018 bezog sich diese jedoch ausschließlich auf den Neunheimer Steinbruch: „Die Stadt wird daher prüfen, wie die Situation am Neunheimer Steinbruch verbessert werden kann.“ 

 

 

Daraufhin schickten wir am 15.09. 2018 ein weiteres Schreiben an die Stadt (Oberbürgermeister), in welchem wir ausführlicher auf eine sichtbare Aufstellung eines unseres Erachtens notwendigen Erinnerungs-Denkmals hinwiesen, welches exakt dort platziert werden sollte, wo das Menschenleben tagtäglich „pulsiert“, und Menschen aller Generationen regelmäßig zu Fuß sich treffen, gemeinsam beten, nach dem Gottesdienst vor der Schutzengelkapelle sich unterhalten, und der direkt neben der Kirche seit mehr als 70 Jahren noch immer existierende Schafstall, in dem damals die ausgehungerten KZ-Gefangenen eingesperrt wurden und 27 Häftlinge links vom Schafstall aufgehäuft und schließlich zum zum Steinbruch durch das Dorf gekarrt wurden, an die Gräueltaten der SS gegenüber den jüdischen Häftlingen optisch noch erinnern würde.

Mühlfeldkirche in Bad Tölz (©Foto Haas)

Neben den drei bereits gewählten und installierten Erinnerungsformen einer Holzstele, eines Gedenksteines und einer Infotafel wäre nun die Form einer bildhauerischen Arbeit (Siehe Hubertus von Pilgrims Todesmarsch-Denkmal) angebracht.

So würde die Neugier der Betrachter eher geweckt werden, erfahren zu wollen, was speziell das Dorf Neunheim und ihre damaligenDorfbewohner in der Nazi-Zeit erleben mussten:

  • wo sich tagtäglich zwischen 1941 bis 1945 die jüdischen KZ-Häftlinge der beiden im Ellwanger Stadtgebiet befindlichen KZ-Aussenlager Dachau/Natzweiler, von Ellwangen kommend hier entlang der Neunheimer Dorfstrasse schleppten, um zum Neunheimer Steinbruch zu gelangen und abends, mit vollbepackten Steinkarren, wieder auf dem gleichen Weg zurück in ihre Baracken begaben;
  • und wo die Gefangenen des `Hessentaler Todesmarsch´ am 7. April 1945 zum Verweilen in dem Schafstall des Bauern Reeb eingesperrt wurden; sich die Neunheimer Bäuerinnen rührend um Essen für die ausgemergelten Häftlinge bemühten; mehrere von diesen von den Bewachern tot geprügelt wurden und schließlich 27 Opfer auf einem Leiterwagen auf Befehl der SS-Wache durch das Dorf zum Steinbruch gekarrt und dort verscharrt wurden. 

 

In der Antwortmail der Stadt Ellwangen vom 19. September 2018 schlug diese nun eine Orstbegehung am 08.10.2018 direkt auf der Höhe des Neunheimer  Schafstalls vor. Das einstündige Gespräch mit dem Stadtarchivar und dem Pressesprecher der Stadt Ellwangen, sowie dem Leiter des Ellwanger Friedensforums verdeutlichte, dass die Stadt Ellwangen sich ausschließlich für eine Verbesserung  im abgelegenen Steinbruch einbringen möchte. „Zusätzlich könnten die Spaziergänger am Rande des Feldweges darauf hingewiesen werden“ , so die Anregung der beiden Herren der Stadt Ellwangen, „wie sie das Infoschild im Steinbruch finden können“ . 

In der Anbringung eines Erinnerungsdenkmals auf der Höhe des Schafstalles neben der Neunheimer Schutzengelkapelle sieht die Stadt jedoch „keinen guten Ort zum Gedenken“  und behauptete, „dass die Einheimischen über den Todesmarsch durch ihr Dorf Neunheim ja sowieso Bescheid wüßten“ . Das ist jedoch nicht der Fall. 

Ausschließlich das `Friedensforum Ellwangen´ unterstützt unsere Argumentationen, die für die Errichtung eines Mahnmals im Neunheim Dorfkern sprechen.

Die aktuelle Argumentation der Stadt Ellwangen lassen wir so nicht stehen und wünschen nun ein persönliches Gespräch mit unserem Oberbürgermeister der Stadt Ellwangen.

 


Danksagung

An dieser Stelle danken wir allen Zeitzeugen (Justin Sonder, Hilde und Gangolf Götz, Ida Reeb, Klara Moser, Abba Naor und Richard Hartmann) für die Möglichkeit des Gesprächs und bitten um Nachsicht, sie mit dem Erzählen ihrer Erinnerungen schmerzlich berührt zu haben.

Herzlichen Dank auch –  posthum – an den Komponisten Karl Amadeus Hartmann und seinem unter extrem schrecklichen Umständen entstandenem, mahnenden Oeuvre.

Besonderer Dank auch an unsere Mutter, die unser Interesse an der Musik initiiert und gefördert hat und unsere Aufmerksamkeit auf den „Komponisten der inneren Emigration“, Karl Amadeus Hartmann, richtete. 

Danke auch an die Konrad – Adenauer – Stiftung für die Einrichtung des „DenkT@g-Wettbewerbs“, der anregt, über ungerechte geschichtliche Schrecken und Taten zu recherchieren, informieren und mahnend zu reflektieren.

Und schließlich Danke auch an unsere Eltern und Großeltern für ihr unverrückbares Rechts- und Werte-Empfinden, das sie an uns weitergegeben haben.

 


Neunheim/München, den 23. Oktober 2018

Rapahel und Aaron Haas