15.08 Uhr

Im Laufschritt wurden sie zu einem Gebäude gebracht. Der Mann versuchte seine Frau im Auge zu behalten. Doch die Frauen standen noch auf der Rampe. Sie muss kämpfen, dachte er. Tief im Inneren wusste er, dass seine Rachel nicht mehr kämpfte. Als die Uniformierten ihr den Sohn entrissen hatten, war sie zusammengebrochen. Wie eine leblose Puppe ohne Knochen. Er hatte ihr helfen wollen, aber die Männer in seiner Gruppe hatten ihn mit sich fortgerissen. Sie wollten keinen Ärger.

Es ging alles so schnell. Er zog sich aus, wurde untersucht, die Haare wurden abrasiert. In den Duschräumen schützte er einen Jungen, der grade erst den Kinderschuhen entwachsen war, mit seinem Körper vor dem viel zu heißen Wasser. Seine Brandwunden ignorierte er. Jemand würde das auch für seinen Sohn tun. Daran wollte er glauben.

Ihm wurde eine Nummer tätowiert. Sie begann mit einer 5. So alt war sein Sohn heute geworden. Und er war am Morgen noch so glücklich gewesen über den kleinen Jakob, den seine Rachel aus zwei Unterhosen genäht hatte, aus denen der kleine Mann rausgewachsen war. Für einen Moment lächelte er und erhielt dafür einen schmerzhaften Schlag auf den Hinterkopf.

Im Laufen fing er die Kleidung auf, die Uniformierte ihnen zuwarfen. Eine undurchdringliche dunkelgraue Rauchwolke versperrte ihm kurzzeitig die Sicht und er versuchte nicht zu atmen. Der Gestank war fürchterlich. Er hustete. Die Wolke zerteilte sich zwischen unzähligen Holzbaracken, die Menschen wie ihn verschluckten. In dem schmutzigen Bretterverschlag ergatterte er eine Liegefläche. Nackt warf er sich darauf und ließ die anderen vorbeiziehen.

Es dauerte lange, bis es still wurde. Er hörte, wie das Tor zur Baracke verriegelt wurde.

Die Kleidung stank nach verbranntem Fleisch. Er zog die Jacke aus und benutzte sie als Kopfkissen. Die Kälte würde ihn wachhalten. Er musste nachdenken. Einen Weg finden. Er würde kämpfen. Jeden einzelnen Tag. Und er würde seinen Sohn wiedersehen, würde ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass jetzt alles gut werde.

Unter ihm hörte er leises Wimmern.

Der Junge, den er in der Dusche vor dem heißen Wasser geschützt hatte, lag zusammengekauert auf dem Boden unter seiner Pritsche. Er war höchstens 16 Jahre alt.

Behutsam tippte er ihm auf die Schulter und rückte ein Stück zur Seite. Der zitternde Junge legte sich zu ihm. Einen Moment hielt er inne und betrachtete die Jacke des Jungen. Statt eines Judensterns prangte ein rosafarbenes Dreieick auf seiner Jacke. Er wusste nicht, was das bedeutete. Behutsam deckte er den Jungen mit seiner eigenen Jacke zu und zog ihn an sich, um ihn mit seinem Körper zu wärmen. Jetzt konnte er die Augen schließen.