16:54 Uhr

Der Mann in der gelben Jacke schien gehetzt. Vermutlich wollte er seine Tour schnell beenden, denn das Museum sollte um fünf Uhr schließen.
„Hier“, sagte der junge Mann und öffnete das rote Absperrband, um die kleine Gruppe in den Raum treten zu lassen, „wohnten vermutlich bis zu 12 Menschen. Bis zu ihrer Deportation verbrachten sie hier mehrere Monate.“

Er griff nach einem Zylinder aus Plastik auf dem wackeligen Tisch. Fünf abgebrannte Plastik-Streichhölzer ragten aus dem nachgebildeten Kuchen.
„Vermutlich feierte hier grade eine Familie den fünften Geburtstag eines Kindes. Dieser Kuchen, der ursprünglich aus Reis und Kartoffeln bestand, ist natürlich nachgebildet, aber alles, was sie sonst hier sehen, ist original.“
Er schaute auf die Uhr und begann unsere kleine Gruppe bereits aus dem Raum zu drängen.
Ich bückte mich zu einer kleinen einarmigen Stoffpuppe, die mit verdrehtem Kopf am hölzernen Bein eines alten Schranks lehnte, der leicht nach verfaultem Holz roch. Sie war festgenagelt. Der rechte Arm war abgerissen. Ich bückte mich und streckte die Hand aus, weil ich plötzlich das Bedürfnis hatte, diese kleine Stoffpuppe zu berühren. Der Mund war unter einem hellgrauen Fleck verschwunden, aber die aufgemalten Augen schienen mich geradewegs anzusehen.

„Nicht anfassen!“, sagte der Museumsführer schroff. Er hielt bereits das rote Absperrband in den Händen.
„Wer wohnte hier?“ , fragte ich und beeilte mich, den Raum zu verlassen.
„Juden“, sagte er und betrachtete mich, als sei ich von einem anderen Stern gefallen.
„Hatten diese Menschen keine Namen?“, fragte ich.
„Keine Ahnung.“, sagt er. „Sie können ja mal im Archiv im dritten Stock nachfragen. Aber wir schließen gleich.“
Er befestige das rote Absperrband hinter mir und ließ mich stehen.