Entwicklung seit 1945

Bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland stand die Erinnerung im Zeichen der Entnazifizierung durch die Alliierten (Nürnberger Prozesse). Mit der Gründung des Staates brach dieser Prozess ab. Letztendlich hätte eine konsequente Verfolgung aller Beteiligten auch dafür gesorgt, dass man zum Aufbau des neuen Staates kaum noch auf qualifizierte Personen hätte zurückgreifen können. In seiner ersten Regierungserklärung am 20. September 1949 bemerkte Bundeskanzler Konrad Adenauer deshalb den schwierigen Weg für die neue Republik: Schuld zu bestrafen, aber auch Gnade walten zu lassen.

„Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet worden. Die wirklich Schuldigen an den Verbrechen[…]sollen mit aller Strenge bestraft werden. Aber im Übrigen dürfen wir nicht mehr zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien und Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung muss baldmöglichst verschwinden. Der Krieg und auch die Wirren der Nachkriegszeit haben eine so harte Prüfung für viele gebracht und solche Versuchungen, daß [sic!] man für manche Verfehlungen und Vergehen Verständnis aufbringen muß [sic!]. Es wird daher die Frage einer Amnestie von der Bundesregierung geprüft werden[…]. Wenn die Bundesregierung so entschlossen ist, dort, wo es ihr vertretbar erscheint, Vergangenes vergangen sein zu lassen,[…], so ist sie andererseits doch unbedingt entschlossen, aus der Vergangenheit die nötigen Lehren zu ziehen, […].“ (Adenauer, 1949)

Nach der Gründung war man damit beschäftigt, den Staat neu erstehen zu lassen und sich einen Alltag zu schaffen. Die meisten Menschen waren nicht in der Lage, sich mit den Verbrechen und der Schuld des Krieges auseinanderzusetzen und verdrängten das Wissen darüber erfolgreich. Den Ausspruch der „Stunde Null“ nahm man wörtlich, niemand sah nach hinten, der Blick war nach vorn gerichtet – auf das eigene Leben und Überleben.

In den 60er Jahren wurden die Stimmen lauter, die eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit forderten und eine allmähliche Aufarbeitung begann. Beeinflusst wurde dieses erwachende Interesse durch die sogenannten Auschwitz-Prozesse. Sie stellten den ersten Wendepunkt in der deutschen Erinnerungskultur dar. Die Auschwitzprozesse waren die ersten Prozesse vor deutschen Gerichten gegen Verbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus. Hier wurde gegen alle Beteiligten ermittelt und erstmals kamen auch viele Zeitzeugen zu Wort. Die Prozesse wurden begleitet von Debatten über Verjährungsfristen und Grenzen einer Rechtsprechung eines demokratischen Staates. In den Prozessen wurde aber auch erstmals deutlich gemacht, wie groß die Beteiligung an den Verbrechen war.

Die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ 1979 erreichte wirklich viele Menschen und machte ihnen das Schicksal der Juden deutlich. Das Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus wandelte sich. Mehr und mehr begann man auch auf lokaler Ebene Spuren zu suchen und Dokumente und Familiengeschichten aufzuarbeiten (vgl.: Assmann 2016, S. 63ff).

Am 8. Mai 1985 hält Richard von Weizsäcker als amtierender Bundespräsident eine Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes. Sie sollte das Geschichtsbild der Deutschen verändern. Richard von Weizsäcker stellte in seiner Rede den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ dar. Noch nie hatte ein deutscher Politiker die Schuld der Deutschen so deutlich benannt und klargestellt, dass Schuld nie kollektiv, sondern immer individuell sei und jeder, der die Zeit schon mit Verstand erlebt hat, sich nach seiner eigenen Schuld fragen muss. Er forderte die Deutschen zu einer aktiven Erinnerungskultur auf. Er forderte auf,

„der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen“

Es ist das erste Mal, das ein deutscher Politiker schonungslos deutlich macht, dass zu viele geschwiegen haben.

„Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß [sic!] Deportationszüge rollten.“ (von Weizsäcker 1989, S. 11ff)

Der sogenannte „Historikerstreit“, der 1986/87 innerhalb der Fachwissenschaft entbrannte und in den Massenmedien aufgegriffen wurde, diskutierte die Frage, ob die Geschehnisse einzigartig und nicht wiederholbar waren oder sind. Im Historikerstreit stellte sich die Frage der Vergleichbarkeit der Nazi-Diktatur mit anderen Diktaturen, nach dem Motto „ alles schon einmal da gewesen“. Weiter wurde die Frage der Ursache der Geschehnisse gestellt. Der Streit begann mit einem provokativen Artikel von Ernst Nolte, der am 6. Juni 1986 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien und zahlreiche Antworten provozierte. (Richard Herzinger, 2016)

Eine weitere Neuorientierung in der Erinnerungskultur wurde notwendig, als 1989 die Mauer fiel. Zwei unterschiedliche Erinnerungskulturen mussten zusammengebracht werden, der wiedervereinigte Staat eine gemeinsame Richtung schaffen. Die Erinnerungskultur in der DDR hatte sich bis dahin hauptsächlich an der Bedeutung der Sowjetunion und des kommunistischen Widerstandes im Krieg orientiert.

Mit der Jahrtausendwende wurde in der Erinnerungskultur deutlich, dass es immer schwerer wird, die Erlebnisse zu transportieren, weil es kaum noch Zeitzeugen gibt. Aktuell gibt es ständig Diskussionen um die Erinnerungskultur, nicht zuletzt angefacht durch das Erstarken der AfD und deren konträre Einstellung zur Erinnerung.