Synagoge in Warendorf

Um das Gebäude, vor dem eine Stele errichtet wurde und in dem sich die Synagoge befand, entbrannte 2010 ein Streit, der auch deutlich macht, dass Erinnerungskultur ihre Grenzen hat und oft nicht bis zur letzten Konsequenz gelebt wird. 1938 wechselte das Haus, in dem sich die Synagoge befand, seinen Besitzer. Das lässt natürlich vermuten, dass die Synagoge zwangsenteignet oder zwangsverkauft wurde. Die jetzigen Besitzer betonen aber, dass das Haus für einen damals durchaus angemessenen Preis von 8000 Reichsmark verkauft worden sei. Auch im Rahmen der Wiedergutmachung sei 1952 noch einmal Geld geflossen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr, sah das im Jahr 2010 anders. Er hielt den Verkauf für erzwungen, weil die Veräußerung der jüdischen Gemeinde 1938 auferlegt worden war. (vgl.: Schwäbische 30.03.2010). Zur Sprache kam dies jedoch erst, weil die Stadt Warendorf dem Eigentümer eine Baugenehmigung erteilt hat, die eine Nutzung für die Öffentlichkeit ausschließt.

Seit dem Jahr 2000 gab es Bemühungen, den Gebetssaal im ersten Stock zu einem Museum oder einer Gedenkstätte umzugestalten. Die Eigentümer erklärten sich damit auch einverstanden. Dann aber gab es wenig Fortschritt in dieser Angelegenheit und das Haus verfiel zusehends.

2009 war die Geduld der Eigentümer am Ende. Sie beantragten eine Baugenehmigung  zum Umbau in ein Wohn- und Geschäftshaus und zogen ihr Einverständnis zur öffentlichen Nutzung zurück (vgl.: Westfälische Nachrichten 9.4.2010). Darüber entbrannte in der Presse eine teilweise recht aggressive Auseinandersetzung, in deren Verlauf man die Eigentümer, aber auch die Verantwortlichen der Stadt scharf angriff.

Ausgerechnet in der Heimatstadt von Paul Spiegel schaffte man es nicht, eine Erinnerungsstätte einzurichten.

Gedenkstätten am Ort des Geschehens transportieren Botschaften so viel besser als Geschichtsbücher. Wenn aber neun Jahre lang nichts passiert, fragt man sich, wie wichtig für alle Beteiligten die Gedenkstätte überhaupt war. Weder die jüdische Gemeinde in Münster, noch die Stadt Warendorf und auch nicht der Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Warendorf“ haben das Projekt energisch vorangebracht. Die einzige Synagoge, die im Krieg nicht beschädigt worden ist und in der am 07.09.1945 der erste Gottesdienst nach Kriegsende stattgefunden hat, (vgl.: Ester 2000, S. 674) ist nun für die Öffentlichkeit verloren. Da hilft es auch nicht, dass das Haus unter Denkmalschutz steht und Schutzwände die Wandbemalungen konservieren sollen. Es wäre eine Chance gewesen, in Warendorf Spuren zu erhalten. Natürlich kann man hinterfragen, ob es moralisch einwandfrei ist, wenn die Eigentümer in einem solchen Fall auf ihr Recht pochen. Andererseits hätte man die Weichen für eine Gedenkstätte deutlicher und eher stellen müssen.

So ist Warendorf um ein Stück Erinnerung und kulturelles Erbe ärmer. Zumindest schaffte es der  amtierende Bürgermeister die Betroffenen an einen Tisch zu holen und zu diskutieren, wie man den Ort trotzdem weiter im Bewusstsein der Menschen halten kann. Einige der damals getroffenen Vereinbarungen wurden bereits in die Tat umgesetzt (vgl.: Westfälische Nachrichten 2.6.2010). Die „Reifeprüfung gegen das Vergessen“, wie Sharon Fehr die Verhinderung des Umbaus bezeichnet hat, hat die Stadt Warendorf, die so stolz auf ihren Ehrenbürger Paul Spiegel ist, leider nicht bestanden (vgl.: Westfälische Nachrichten 01.04.2010). Für die jüdische Gemeinde ist dies vor allem deshalb so bedrückend, weil die Synagoge in Warendorf für einen Neubeginn des jüdischen Lebens nach dem Krieg stand.