Bedeutung der Olympischen Spiele für die DDR

Die Olympischen Sommerspiele 1972 waren für die DDR von großer Bedeutung, denn in München traten erstmalig zwei deutsche Mannschaften unabhängig voneinander an. Auf der einen Seite die Mannschaft der DDR und auf der anderen die der BRD – die Systemgegner des Westens.

Die Bundesrepublik Deutschland nahm sich bis dato das Recht heraus, alle deutschen Staatsbürger – sowohl Ost als auch West – zu vertreten, da sie die einzige durch freie Wahlen demokratisch legitimierte Regierung in Deutschland war. In den Jahren 1956 bis 1964 verhinderte die BRD stets die Teilnahme der ostdeutschen Mannschaften als eigenständiges bzw. souveränes Team an den Olympiaden. Beide konnten nur als Teil einer gesamtdeutschen Mannschaft an den Spielen partizipieren.

Die DDR war jedoch nicht willens diesen Zustand länger hinzunehmen. Durch gezielte staatliche Förderung gelang es ihr gegen Ende der 60er Jahre zahlreiche Erfolge zu erzielen. Sie stiegen zu einem der erfolgreichsten Spitzensportteams der Welt auf. So begann der Sport auch auf politischer Ebene eine immer größere Rolle zu spielen. Die DDR wurde 1968 ein vollwertiges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Desweiteren führte die Entspannungspolitik der sozialliberalen Regierung unter Bundeskanzler Willy Brandts zur Annäherung der beiden Staaten.

1972 durfte die DDR erstmals als eigenständige Mannschaft mit allen Symbolen staatlicher Macht und Würde antreten. Die ostdeutschen Athleten repräsentierten sich mit einer eigenen Fahne und hörten bei den Siegerehrungen ihre eigene Hymne.

Mit insgesamt 66 Medaillen – 20 Gold-, 23 Silber-und 23 Bronzemedaillen – war die DDR der größeren Bundesrepublik mit lediglich 40 Medaillen deutlich überlegen. Damit belegten sie den dritten Platz hinter der Sowjetunion und den USA. Die BRD erzielte lediglich den vierten Platz. Die DDR reklamierte den Erfolg als Zeichen der Überlegenheit und deutete ihn gleichzeitig als Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus.

Eine besondere Rolle kam dabei dem Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi genannt, zu. Es sorgte dafür die DDR in einem guten Licht dastehen zu lassen. Neben der Absicherung der ostdeutschen Wettkämpfer und dem Unterbinden unabhängiger Berichterstattung waren sie auch dafür zuständig, das Doping der Athleten zu verheimlichen und eine etwaige Flucht in die BRD zu verhindern.

Die Sommerspiele der XX. Olympiade in München 1972 waren nicht nur der Beginn einer neuen Ära sondern auch Wegbereiter hin zu internationaler Anerkennung. Von nun an konnte sich die DDR der Beachtung der Weltöffentlichkeit sicher sein, da es ihnen mehrfach gelang die Bundesrepublik mit ihren sportlichen Erfolgen zu übertrumpfen. Bei den darauffolgenden Spielen 1976 in Montreal konnten die ostdeutschen Athleten sogar den zweiten Platz im Medaillenspiegel belegen.

Aus dem offiziellen Olympia-Buch der DDR:

Geleitwort[1]

Die Spiele der XX. Olympiade 1972 in München sind bereits Geschichte. Sie waren ein wahrer Triumphzug des sozialistischen Sports, Ausdruck der Lebenskraft des Sozialismus.

Gegenwart und Zukunft werden bestimmt von dem Ringen aller fortschrittlichen Kräfte auf unserem Erdball um die Erhaltung und Festigung des Friedens in der Welt, die Verständigung der Völker untereinander und die weltweite Durchsetzung der Prinzipien der friedlichen Koexistenz. Diese Grundsätze entsprechen in ihrem tiefsten Sinn dem Wesen unserer sozialistischen Ordnung, und in diesem Sinne ist auch die erste souveräne und in allen Belangen gleichberechtigte Olympiamannschaft der Deutschen Demokratischen Republik bei den Olympischen Spielen 1972 an den Start gegangen. Als Repräsentanten des ersten Arbeiter- und-Bauern-Staates in der deutschen Geschichte haben unsere Sportlerinnen und Sportler ihre Aufgabe, diesen, ihren Staat, würdig zu vertreten, vorbildlich erfüllt. Ein großes Kollektiv bewies in jeder Situation seine Kraft und Stärke und demonstrierte die Leistungsfähigkeit der sozialistischen Gesellschaft in der DDR.

Dank allen Freunden, an der Spitze der Sowjetunion, die in uneigennütziger und brüderlicher Hilfe dazu beigetragen haben, daß sich bei uns eine solche Entwicklung vollziehen konnte. Dank, Anerkennung und Glückwunsch auch all denen, die mitgeholfen haben, dieses Kollektiv vorzubereiten, zu leiten und zu lenken.

20 Gold-, 23 Silber- und 23 Bronzemedaillen und der hervorragende Einsatz aller Athleten sind der Dank der Mitglieder unserer Olympiamannschaft an die Partei der Arbeiterklasse, an die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und nicht zuletzt an die gesamte Bevölkerung unserer Republik. Das vorbildliche Auftreten und die hohe Moral dieser Olympiamannschaft war eine Absage an jene Kräfte, die seit Bestehen der DDR mit allen Mitteln ihre Souveränität und Gleichberechtigung verhindern wollten.

Im Bewußtsein der großen Anteilnahme und Sympathie der gesamten Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik wuchs dieses Kollektiv über sich selbst hinaus. Jedes Telegramm, jeder Brief, jede Zeichnung von Kinderhand und jedes Wort der Anerkennung stärkte das Selbstvertrauen unserer Sportler und spornte sie zu immer höheren Leistungen an.

Die Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der DDR will mit diesem Standardwerk den hohen Wert und die weltweite Wirkung von Körperkultur und Sport in der DDR anschaulich darstellen und besonders den Kindern und Jugendlichen empfehlen, diesen Vorbildern nachzueifern, fleißig, zielstrebig und beharrlich hohe Leistungen zum Wohle der sozialistischen Gesellschaft anzustreben.

Sie möchte mit diesem Rückblick auf die Olympischen Spiele 1972 alle Bürger unseres sozialistischen Staates für die völkerverbindende olympische Idee gewinnen und sie aufrufen, aktiv an ihrer allseitigen Durchsetzung mitzuwirken. Mit diesem Standardwerk rufen wir dem Leser die ereignisreichen Tage der Spiele der XX. Olympiade 1972 noch einmal in Erinnerung. Die Freude am sportlichen Kampf, die bewegenden Bilder der Freundschaft, die glücklichen Gesichter der Sieger, die Berichte, Streiflichter und Kommentare werden Ihnen diese Tage noch einmal nahebringen, die vom Sieg der olympischen Idee und ihrer völkerverbindenden Kraft geprägt wurden.

Manfred von Brauchitsch
Präsident der Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der DDR

[…] [2]

1972- Die Olympischen Sommerspiele sind an München vergeben. Zugleich ist es mit jeglicher Einschränkung für den Sport unseres Arbeiter-und-Bauern- Staates vorbei.

Hart hat die olympische Geschichte die Feinde des Sports, die Feinde unserer Republik und unseres sozialistischen Aufbaus geschlagen. Sie, die sportfeindlichen Kräfte in der Bundesrepublik – die eine Souveränität des DDR-Sports im Weltmaßstab jahrzehntelang mit allen Mitteln zu verhindern trachteten – müssen nun im eigenen Land den Start der ersten völlig souveränen Olympiamannschaft der Deutschen Demokratischen Republik vorbereiten und organisieren. Sie sind es, die erstmals bei Olympischen Sommerspielen die Flagge der DDR hissen, unsere Hymne einstudieren und spielen müssen. Der erfolgreiche Weg des DDR-Sports zur internationalen Anerkennung ist abgeschlossen, noch ehe die Spiele von München beginnen. Der großartige dritte Platz im Weltmaßstab ist eine weitere Bestätigung.

Bleibt abschließend zu diesem «Weg aus dem Nichts», zur gerafften Übersicht, eine Tabelle hinzuzufügen.

In der inoffiziellen Länderwertung, nach olympischer Punktewertung – Platz eins bis sechs – geführt, sieht der Weg des Sports der DDR von 1956 bis 1972 – in noch nicht einmal zwanzig Jahren Geschichte unserer sozialistischen Sportbewegung also – so aus:

1956:55 Punkte15. Platz
1960:108 Punkte10. Platz
1964:127 Punkte9. Platz
1968:241 Punkte3. Platz
1972:480 Punkte3. Platz
Artikel in einer beliebten und bekannten Zeitschrift der DDR[3]:

„Die Spiele der XX. Olympiade gehören der Vergangenheit an. Sowohl der Medaillen­spiegel als auch die inoffizielle Länderwertung der Münchener Spiele lassen erkennen, daß die Sportlerinnen und Sportler der sozialistischen Staaten heutzutage in den meisten olympischen Disziplinen die Leistungsparameter entscheidend mitbestimmen. Es ist besonders erfreulich, daß die Aktiven der DDR so maßgeblichen Anteil daran haben. Bei noch keinen Olympischen Spielen waren sie so erfolgreich wie diesmal. Das ist, meines Erachtens, Grund genug, nach den Ursachen zu fragen. Es gibt deren viele.

In sozialistischen Staaten, so auch in der DDR, ist die regelmäßige Ausübung von Körperkultur und Sport keine zufällige Erscheinung. Planmäßig entwickelt und gefördert durch Partei und Regierung, ist sie integrierter Bestandteil unserer sozialistischen Lebensweise, eine Therapie im Dienste der Volksgesundheit. Deshalb treiben in der DDR viele Menschen regelmäßig Sport. Auf dieser Grundlage beruhen auch die Spitzenleistungen. Unsere Olympioniken demonstrierten in hohem Maße Fähigkeiten und Charaktereigenschaften wie Mut, Entschlossenheit, Trainingsfleiß, Kampfbereitschaft und Siegeswillen. So konnte die Olympiamannschaft der DDR 1972 in München ihren dritten Platz von Mexiko eindeutig verteidigen und mehr Spitzenleistun­gen als je zuvor bei Olympischen Spielen vollbringen. Hinter den DDR-Medaillen von München stehen alle Werktätigen und Bürger der DDR, die sich mit unseren erfolgreichen Olympioniken identifizieren und deren Leistungen bei unserem sozialistischen Aufbau die Grundlage aller olympischen Erfolge bildeten. Mehr als 5000 Telegramme aus der DDR, die für die herzliche Verbundenheit mit unseren Olympioniken sprachen, sind dafür beredter Ausdruck.

Zum ersten Mal in der Geschichte Olympischer Sommerspiele präsentierte sich die Deutsche Demokratische Republik souverän, gleichberechtigt, mit Fahne und Hymne im großen Kreise der olympischen Familie. Das ist ein Erfolg, an dem die sozialistischen Staaten, allen voran die Sowjetunion, wesentlichen Anteil haben, ein Erfolg auch, der unsere Olympioniken zu Spitzenleistungen wie nie zuvor beflügelte.

Die DDR hat in München vor aller Welt ihre Souveränität bewiesen, und die Haltung ihrer Sportler – gleichgültig ob in Sieg oder Niederlage – hat das in vielen Köpfen von BRD-Bürgern jahrzehntelang öffentlich und wissentlich beschworene Schreckbild des Kommunismus schwer erschüttert. Viele Zuschauer der BRD spendeten den Leistungen unserer Olympiasieger Wolfgang Nordwig, Karin Janz, Renate Stecher, Siegbert Horn, Peter Frenkel – um nur einige zu nennen – herzlichen Beifall. Postkarten mit den Bildern der DDR-Olympioniken waren begehrte Souvenirs.

Dennoch muß festgestellt werden: Heitere Spiele waren es nicht. Die Blutnacht von Fürstenfeldbruck warf schwarze Schatten auf die Spiele. Unolympische Haßtiraden gegen die Sportlerinnen und Sportler sozialistischer und afrikanischer Länder sowie die Bedrohungen ihrer Aktiven verbleiben in der Verantwortung der maßgeblichen Kreise in Bonn und München.

Daß trotzdem die olympische Idee von Völkerfreundschaft und Frieden auch bei diesen Spielen triumphiert hat, beweist, daß die Politik der friedlichen Koexistenz sich weltweit durchsetzt. Die Sportjugend aus aller Welt sieht in den Olympischen Spielen das große Fest der Völkerfreundschaft und des Friedens. Und das stimmt uns für die Zukunft der Spiele optimistisch.“

NBI – Die Zeit im Bild, 1. Oktoberheft 1972, 40/72, S. 2


[1] Spiele der XX. Olympiade München 1972, Hrsg. Von der Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1973, S. 5

[2] Spiele der XX. Olympiade München 1972, Hrsg. Von der Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1973, S.16f.

[3] NBI – Die Zeit im Bild, 1. Oktoberheft 1972, 40/72, S. 2