Warschau

Montag, den 24.02.2020 – Tag 1 in Warschau

Text von Julia Fuhrmann

Vor dem 2. Weltkrieg lebten ca. 350.000 Juden in Warschau.
Diese stellten rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt zu diesem Zeitpunkt dar.
Zudem gab es in Warschau die zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt.

Warschauer Ghetto, die Trennmauer und der Lubomirski Platz.
Von Bundesarchiv, Bild 101I-134-0791-29A / Knobloch, Ludwig / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5408935

Dies war darauf zurückzuführen, dass Polen im 10. Jahrhundert eines der religiös tolerantesten Länder der Welt war und den Juden im Jahr 1334 weitergehende Rechte zugesprochen wurden, wodurch sich zahlreiche Juden dazu entschlossen sich in Polen anzusiedeln.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die ursprüngliche Toleranz zu einer eher angespannten Einstellung der jüdischen Bevölkerung gegenüber.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten viele Juden im westlichen Teil Warschaus.
Als die deutschen Truppen in Polen einmarschierten gründeten sie kurzerhand das Warschauer Ghetto.
Hier wurden sämtliche Juden Warschaus und aus anderen Regionen Polens zwangsumgesiedelt.

Am 15.11.1940 wurde das Ghetto mit einer 18 km langen und 3 m hohen Mauer vom Rest der Stadt abgegrenzt.
Hier lebten die rund 380 000 Juden unter menschenunwürdigen Zuständen und waren auf engstem Raum ohne frei zugängliche Ressourcen zusammengepfercht.

Dies führte schon nach kurzer Zeit zu Hungersnöten, Gewalt untereinander, Epidemien und weiteren Problemen, die zu der sowieso schon schwierigen Situation und der Schikanen durch die Nazis hinzukamen.

Trotz all dieser widrigen Umstände gelang es den Juden eine Form des alltäglichen Lebens und ihre Kultur aufrechtzuerhalten.
Es gab Theatergruppen, Schulen, Bibliotheken, Zeitungen, Musik und ein Symphonieorchester.
Zudem war es ihnen möglich ein Archiv über das Leben im Ghetto zu erstellen und geheim zu halten.

Zusätzlich zu ihrem Leben und ihren Aufgaben im Ghetto mussten viele der dort untergebrachten Juden in rund 50 Privatbetrieben der Deutschen arbeiten.

Als im Februar 1941 weitere 70 000 Juden in das Ghetto deportiert wurden, wurde es immer schwieriger das alltägliche Leben aufrechtzuerhalten und der Platz wurde so knapp, dass sich bis zu neun Personen einen Raum teilen mussten.

Nachdem sich die Situation im Ghetto weiterhin dramatisch verschlechterte, standen den Bewohnern nur noch rd. 184 Kalorien/Tag zur Verfügung (z. Vgl. ein Snickers Riegel enthält pro 100g 504 Kalorien).

Durch die starke Hungersnot und die immer schlimmer werdenden hygienischen Umstände starben immer mehr Menschen, v. a. ältere und Kinder.

Mit der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ begann ab dem 22.07.1942 die Auflösung des Ghettos durch die Deportation der Juden in die verschiedenen Konzentrationslager.

Himmlers Ziel war es, Warschau bis zu Hitlers Geburtstag im April 1943 „Judenfrei“ zu bekommen.

Im Herbst 1942 befanden sich noch rund 60 000 Juden im Warschauer Ghetto.

Während dieser Deportierungszeit bildete sich im Warschauer Ghetto eine jüdische Widerstandsbewegung.

Diese Widerstandsbewegung erhob sich am 19. April 1943 und kämpfte mehrere Wochen erbittert gegen die deutsche Besatzungsmacht.
Die deutschen Besatzer konnten den Aufstand mit Waffen und Panzern lange nicht niederschlagen.

Durch gezielte Brände versuchten sie die Häuser voneinander zu trennen und so die Menschen zu zwingen aus ihren Verstecken zu kommen.

Etwa 7 000 Ghettobewohner kommen durch die Bomben, durch Häuserbrand oder durch Erschießungen ums Leben.

Erst am 16. Mai 1943 konnte dieser Aufstand endgültig beendet werden.

In den rund anderthalb Jahren die das Warschauer Ghetto bestand, starben dort insgesamt knapp
100 000 Menschen.
Sie starben an den Folgen der dortigen Lebensbedingungen, sie verhungerten und erlagen Krankheiten wie dem Fleckfieber oder der Tuberkulose.

Dies alles passierte genau an dem Ort, den wir heute während unserer Stadtführung neben der Altstadt besucht haben.
Im Gegensatz zu der schönen Altstadt, welche möglichst originalgetreu wiederaufgebaut wurde, ist von dem Ghetto nicht die kleinste Spur übrig geblieben.

Dadurch viel es uns schwer, die damaligen Lebensumstände, die ganze Situation an sich nachzuempfinden oder sich vorzustellen, wie es damals gewesen sein muss.

Aus diesem Grund haben wir auch das „Museum der Jüdischen Geschichte in Polen“ besucht und konnten uns dort frei bewegen und versuchen uns die damalige Zeit bildhafter vorzustellen.

Museum der Jüdischen Geschichte in Polen.

Leider konnten wir auch dort nicht mehr über das Ghetto erfahren, da es nahezu kein Bildmaterial oder anderweitiges Anschauungsmaterial aus der damaligen Zeit des Ghettos gibt.

Dennoch war dies eines der interessantesten Museen, die ich je besucht habe.

Wir hatten dort die Möglichkeit echte Dokumente aus der damaligen Zeit zu sehen, wie z. B. die Aufrufe an die jüdische Bevölkerung zur Deportation nach Ausschwitz, oder die Bekanntmachungen der zu Tode verurteilten Juden.

Es war eine sehr eigenartige Erfahrung und äußert schwierig, sich wirklich vorzustellen, wie die Lebensumstände für Juden damals waren.

Der Gedanke, dass durch diese Dokumente wirklich Menschen deportiert, bzw. getötet wurden und es eben nicht nur Fotos/Requisiten sind.

So sehr wir aber auch versucht haben uns in die damalige Zeit und das Leid hineinzuversetzen, war uns dies nicht so richtig möglich.

Es ist uns sehr schwergefallen, wirklich die Menschen und die Schicksale, z.B. hinter den letzten Briefen die einige Juden vor ihrem Tod geschrieben haben, zu erfassen und nachzuempfinden, da uns alles was wir gehört und im Museum gesehen haben teilweise so unrealistisch, so unmöglich vorkam, dass Menschen wirklich zu solchen Grausamkeiten fähig sind, dass es wirklich schwer fällt unsere Gefühle in Worte zu fassen.
Ich denke eine Gefühl der Leere, des Unglaubens und ein schlechtes Gewissen trifft es noch am ehesten.

Die Eindrücke von unserem ersten Tag sind auf jeden Fall sehr zwiespältig.

Es war sehr interessant, dass wir uns das, worauf wir uns schon seit Monaten vorbereiteten, endlich erleben durften und dass wir die Möglichkeit hatten, der Geschichte so zumindest ein Stück näher zu kommen.

Julia Fuhrmann

Wir sind sehr gespannt, auf die folgenden Tage.